Mein erstes Radrennen – Velothon Berlin als Rookie

Heute genau vor einer Woche hab ich gerade mein allererstes Radrennen hinter mich gebracht. Ach was. Mein allererstes Rennen überhaupt, wenn man es genau nimmt. Ich weiß nicht mehr genau wie es dazu kam. Vermutlich bin ich irgendwann über einen Hinweis bei Facebook gestolpert: Melde dich jetzt für den Velothon in Berlin an und erlebe das unglaubliche Gefühl, vorbei an begeisterten Menschenmassen zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, nach 60km auf der Zielgeraden Raum und Zeit zu vergessen. Nun ja, so oder so ähnlich muss es gewesen sein. Rückblickend fühlte es sich zumindest genau so an. Außer das mit den tosenden Menschenmassen vielleicht. Denn mein Rennen startete mit 7:50 wohl noch weit vor dem Sonntagsfrühstück der meisten Berliner. Dennoch: Es war großartig.

Das Rennfieber hat mich gepackt.

So sehr, dass ich mich am Tag danach gleich für den nächsten Velothon in Hamburg angemeldet habe. Und das Grinsen bekomme ich selbst heute immer noch nicht aus dem Gesicht. Was sich nun aber alles wie ein Spaziergang, respektive eine Spazierfahrt, anhört, war mitnichten so. Denn: War mein erstes Rennen. Mit 4000 anderen Verrückten. Und: Hey, wie macht man das denn so? Beim Start? Beim Fahren? Am Berg? In den engen Kurven? Mit den Klicks? Was ess ich vorher? Was macht überhaupt Sinn? Wo positionier ich mich? Wie schnell ist meine Durchschnittsgeschwindigkeit, die die bei meiner Anmeldung wissen wollen? Puh. Fragen über Fragen, die mich nach der Anmeldung beschäftigt haben. Kribbelig vor lauter Aufregung und Vorfreude. Das macht die Sache manchmal ja auch nicht besser, so im Gesamtpaket.

Also habe ich mich selbst auch im Netz ein wenig schlau gemacht und mich über Berichte anderer Radler der vergangenen Jahre gefreut. Hab mir endlos Texte dazu durchgelesen und ein paar Videos des Rennens angesehen. Und fühlte mich nun zumindest schonmal theoretisch gut vorbereitet.

Velothon Berlin Radrennen Tanja Ney Rookie

Rookies haben Fragen.

Und da ich sicher bin, dass es auch anderen Rookies so ergeht wie mir. Und dass es gut tut, im Vorfeld schonmal den ein oder anderen Erfahrungsbericht zu lesen, schreib ich nun diesen hier. Zudem schreib ich gern. Und hab ja nunmal ohnehin diesen Blog. Und da es auf diesem oftmals um die Themen Motivation, Mentaltraining, Abenteuer, Komfortzone und – last but not least – das Fahrrad geht, kann ich kaum anders, als meine Gedanken mit euch zu teilen. Here we go…

Lieber ne gute 60 als ne schlechte 120!

Ich war nun also angemeldet. Velothon 60. Die kürzeste Distanz. Kurz noch hatte ich darüber nachgedacht, die 120 zu fahren. Rückblickend bin ich doch ganz froh, erstmal nur den „Ironman Short Course“ gerockt zu haben. Ich dachte mir: „Lieber ne gute 60 als ne schlechte 120!“. So für den Kopf. Und so war es dann auch. Ursprungs war auch noch das Rad völlig unklar. Die 60 traute ich mir auch mit meinem Specialized Awol Elite zu, das mich schon einmal rund um Island nicht im Stich gelassen und ne gute Figur gemacht hatte. Letztlich hat mich dann aber in der Vorbereitung doch so sehr der Ehrgeiz gepackt, dass ich mir einen federleichten,  gebrauchten Lapierre Carbon-Renner zugelegt habe. Liebe auf den ersten Blick. Aber das ist nochmal ne andere Geschichte. Wir sind beim Rennwochenende.

Tanja Ney Velothon Berlin Radrennen

Akkreditierung und Alpecin.

Anreise einen Tag vorher. Ich reise gemeinsam mit einer Freundin an, Räder im Auto, Hotel Check In und erstmal riesen Diskussion darüber, dass wir die Räder mit aufs Zimmer nehmen wollen. Tipp: Immer vorher abchecken. Ich hatte mit soviel Gegenwind an der Stelle ausnahmsweise mal nicht gerechnet. Wir haben uns dann aber doch letztlich durchgesetzt. Dann folgt die Akkreditierung am Anreisetag. Du bekommst den Starterbeutel mit nützlichem (Gutscheine für Erdinger in der Finisher-Zone usw.) und unnützlichem (Herren Alpecin Coffein Shampoo..) Kram, sowie deine Startnummer mit Einweg-Chip fürs Rad und deine Nummer fürs Trikot. Das läuft in der Tat alles gut organisiert und sortiert ab. Die Akkreditierung läuft aber auch eine ganze Weile, so dass man da keine Hektik befürchten muss.

Velothon Berlin Radrennen Tanja Ney Rookie

Tja, wie schnell fährt man denn dann wohl so? Von Partyblöcken und Besenwagen.

An diesem Tag bekomme ich auch dann die Info, in welchem Startblock ich starte (G) und vor allen Dingen: Wann? In meinem Fall ging es um 7:50 (immerhin statt der ursprungs geplanten Zeit um 7:30) los. Der Startblock stimmte mich ein wenig nachdenklich, denn das war schon ein größeres Thema im Vorfeld. Bei der Anmeldung musste ich meine geplante Durchschnittsgeschwindigkeit angeben, damit ich einsortiert werden kann. Tja, wie schnell fährt man denn dann wohl so? Nicht vergleichbar mit allem bislang dagewesenen. In Island hatte ich 20kg Gepäck und Gegenwind auf 1200 KM mit dem Awol. In der Stadt lassen die Verkehrsverhältnisse kein Rennfeeling zu. Im Sauerland – wo ich gern trainiere – halte ich dann doch auch immer wieder für irgendetwas an und habe außerdem deutlich mehr Höhenmeter zu bewältigen. Hinzu kommt, dass mir die eher so professionelleren Fahrer um mich herum alle sagen: „In nem Rennen bist du sicher mindestens 5 km/h schneller als sonst. Mindestens!“ Nee, ist klar..

Ich sortiere mich dennoch ganz hinten ein: Mit 23 km/h darf man überhaupt erst mitfahren, sonst wird man vom Besenwagen eingesammelt und muss sein Nümmerchen abgeben. Ich melde uns also mit 23 km/h an. Schneller geht immer, denke ich. Nach einer Weile intensiveren Trainings wird mir allerdings klar: Viel zu langsam! Ich sortier uns also nochmal um: 25 km/h. Und bin, zumindest wenige Tage lang, zufriedener. Bis ich dann irgendwann das Gefühl habe mich so bei 30 km/h deutlich wohler zu fühlen. Aber da ist es dann auch schon zu spät und wir werden in den „Partyblock G“ nach ganz hinten einsortiert, wie ich ihn liebevoll nenne. Denn: Da fährt dann wirklich alles an Rädern mit, was der Markt so hergibt. Also zumindest alles was erlaubt ist.

Und ich. Und ich muss sagen: Eine Weile lang habe ich mich am allermeisten vor dem Start gefürchtet. So viele Menschen. Die ganzen Räder. Das Adrenalin. Noch so früh. Kaum wach. Und dann schon mit den Klicks fest verbunden mit dem Flugrad. 60 KM lang. 2 Stunden, wenn ich es schaffe in dieser Zeit. Was hab ich mir dabei eigentlich schon wieder gedacht…?

Zur Verteidigung des „Partyblocks“ sei aber gesagt: Nix Party! Alle waren voll mit dabei und ehrgeizig. Egal auf welchem Rad! Manche fand ich wirklich auch überaus tapfer auf ihren nicht so renntauglichen Rädern und unter dem Motto „Dabei sein ist alles!“

Vom Hotel zum Start. Mein erstes Peloton.

Wir fahren also morgens völlig übermüdet – ich hatte kaum ein Auge zugemacht – auf bereits gesperrten Straßen zum Brandenburger Tor. Unter den Linden. Unterwegs gesellen sich schon nach und nach andere Radler hinzu und ich fahre bereits im Peleton. Also gefühlt. Und das macht mir schon das erste Mal Gänsehaut an diesem Morgen und ein zaghaftes Grinsen tackert sich fest in mein Gesicht und wird auch die nächsten Stunden nicht mehr verfliegen. Wow. Teil dieses ganzen zu sein ist gerade einfach der Hammer. Und in dieser Kulisse. Bei strahlend blauem Himmel mitten in Berlin.

Partyblock G und Dixie Klos.

Am Start wird es dann wuseliger. Überall ist das Klicken und Surren der Räder zu hören. Von überall strömen Athleten ein und suchen ihre Startposition. Wir können keine so richtige Kennzeichnung finden, also halten wir uns an den Lageplan und versuchen den in die Realität zu übertragen: „So, Partyblock G müsste also ungefährt dort an der Kurve sein!“ Aufstellen, warten, noch gefühlte zwölfmal zur Toilette (wie übrigens ungefähr auch alle anderen, denn es bilden sich bereits lange Schlangen kurz vor Start). In der Zeit wo ich „kurz mal weg bin“ schieben die Ordner die gesamten Startblöcke um einiges nach vorn und als ich wiederkomme ist es plötzlich so unglaublich voll, dass ich Freundin und Rad nicht mehr wiederfinde und doch tatsächlich anrufen muss. Ich sag mal so: Und dann find mal in einem Meer von bunten Lycras, Helmen und tausenden von Rädern jemanden wieder, der ja am Ende doch wieder so aussieht wie gerade alle anderen hier. Hat aber letztlich geklappt. Ich bin begeistert. Hatte aber kurz etwas Sorge, da es ja auch gleich losgehen sollte.

Erstmal frühstücken.

Wir warten. Und wir warten. Ich frühstücke noch „ein Gel“, wie es mir empfohlen wurde. Und wir warten. Andere frühstücken auch, sehe ich. Im Hotel habe ich übrigens um 6:00 Müsli mit heißem Wasser gegessen und um 7:00 eine Banane. Fragt nicht. Es gibt tausende von Empfehlungen und irgendeine musste ich ja schließlich ausprobieren. Und was soll ich sagen: War genau meins. Bananen sind ohnehin mein Energielieferant täglich und vor allem beim Sport, Müsli mit Wasser schmeckt zwar nach nix, aber Porridge mag ich so grundsätzlich und das mit dem Gel geht für mich auch in Ordnung. Viele finden das ultraeklig. Ich finds einfach nur praktisch. Kaffe gabs ausserdem auch dazu und einen Osaft. Das passte. Am Abend vorher natürlich traditionell Pasta. Leider keine wirklich gute, aber es hat seinen Zweck erfüllt.

Nachdem nochmal das Feld kontrolliert wurde (es gibt zahlreiche Vorgaben zu Kleidung – eng anliegend, Trinkflaschen – kein Alu und weich, keine Scheibenbremsen usw..) und auch noch einzelne Buchstaben umsortiert werden mussten, gab es dann endlich, etwa zwanzig Minuten verspätet, das Startsignal. Also im Grunde lief einfach eine Ordnerin neben uns lang und sagte immer wieder: „Geht gleich los!“ Und irgendwann setzt sich das Feld dann in Bewegung.

Mein Ruhepuls, der es ohnehin schon auf 105 geschafft hatte, war wohl kaum zu bändigen und ich konnte kaum erwarten in die Pedale zu treten. Die ersten Meter rolle ich aber so rum, wie auch alle anderen um mich herum. Mehr geht nicht. 4000 Menschen. Mit Rädern. Der Startschuss fällt für die 60er und die 180er Strecke gemeinsam. Daher sind wir noch größer als ohnehin schon. Und ganz wichtig: An zwei Stellen ist volle Konzentration gefragt, denn wir müssen uns als 60er links halten, sonst landen wir auf dem falschen Kurs und dann ist das Rennen quasi vorbei, bevor ich es überhaupt merke.

Attacke!

Wir rollen. Ich klicke mich noch nicht ein, das hatte ich so geplant und das macht auch Sinn, denn ich muss immer wieder etwas halten, langsam fahren, ausweichen.. Das erste Tor ist zu sehen und irgendwann fahren wir durch und über den Zeitnehmer, der meinen Chip scannt und ab jetzt läuft die Zeit gegen mich. Damn! Der Chip befindet sich auf der Rückseite der Startnummer, die sichtbar vorn am Rad befestigt wird. Der Chip gibt die Zeit und die Nummer ist zur Identifikation im Notfall und für Photos wichtig. Ich hatte im Vorfeld ein Photopaket bestellt, aber das ist nochmal eine extra Geschichte. Wir fahren erstmal los.

Stehe ich bei der Aufstellung noch rechts am Straßenrand und höre ich mich noch zu meiner Freundin sagen: „Ich muss gleich zügig hier weg von dieser Bordsteinkante!“, bin ich schon nach wenigen Metern auf der linken Überholspur und radel mich frei. Mir zu voll hier. Das geht so nicht. Schon kurz vor dem Starttor klicke ich ein und trete in die Pedale. Auf geht´s. Scheinbar gibt´s kein Halten mehr und ich hab grad das Gefühl, dass endlich alles raus darf, worauf ich mich so unendlich lang gefreut hatte. Geduld ist auch einfach nicht meine Stärke. Hatte ich das bereits erwähnt? Der Start verläuft also wirklich erstaunlich gut und ich bin überrascht, wie schnell ich mit den Gepflogenheiten unterwegs vertraut werde.

Links kann man meist gut überholen, was ich anfangs auch bereits großzügig tue, rechts kann man sich einsortieren und immer wieder kurz oder länger im Windschatten mitfahren. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, dass ich unglaublich viel schneller bin als gedacht. Diese gesamte Atmosphäre, die anderen Fahrer, die riesigen nur für uns gesperrten Straßen, das Adrenalin, die motivierenden Streckenposten und einige Zuschauer, das „endlich dürfen“ setzt so viel Kraft frei, dass ich recht zügig deutlich über 35 km/h unterwegs bin. Das werde ich natürlich nicht dauerhaft halten können. Aber hey, ist doch schön zu sehen, dass es läuft.

Drehen Sie wenn möglich um!

Nach der heißen Startphase, als ich mich schon so ein wenig eingegrooved habe, werde ich aber dann doch nochmal nervös: „Wo war jetzt eigentlich genau die Trennung zwischen Spreu und Weizen?“ Also wo sind die 180er rechts und ich links? Ich kann mich nicht erinnern! Bin irgendwie einfach mitgeschwommen in dem Sog und habe auch seit Startschuss (Freunde würden sagen bereits mindestens zwei Wochen vorher..) nen ultimativen Tunnelblick und keinen Plan mehr, was links und rechts um mich herum geschieht.

Ich werde nervös. Wie zum Teufel find ich jetzt raus, ob ich richtig bin. Ich kann doch niemanden fragen..Mach ich auch nicht. Stattdessen versuche ich immer so nah an andere Menschen heranzukommen, ohne dass wir uns verhaken, was ja häufig zu Unfällen führen soll, dass ich auf der Rückennummer die Distanz lesen kann. Die ist aber so dermaßen klein gedruckt, dass ich nichts erkennen kann. Bei niemandem. Also versuche ich anhand der Radler und Zweiräder abzuschätzen, ob die sich wohl auch auf ne 180er Strecke wagen würden. Und das ein oder andere Treckingrad gibt mir Hoffnung auf dem kleinen Kurs zu sein. Es sei denn, die sind auch falsch..

Tanja Ney Velothon Berlin Radrennen

FLOW!

Bei KM 15 merke ich: Ich bin im Flow. Absolut! Es läuft und ich hab den Eindruck: „Wow, das ist mein Rennen und ich hab so Bock!“ Und dann läuft es auch wirklich. Ich bin auch nur noch ganz bisschen nervös wegen des 180er Kurses. Wird schon alles stimmen soweit.

Wir fahren also durch die Stadt. Große Straßen. An engen Stellen stehen durchweg Streckenposten und norden uns ein. Die Flaggen sieht man schon von weitem. Viele Fahrer, wie dann auch ich, machen die vorgegebenen Handzeichen für Abbiegen bzw. links, rechts ausscheren und für Hindernisse auf der Fahrbahn. Schlaglöcher und Gullis sind markiert und auch die Streckenposten machen einen guten Job. ich fühle mich ziemlich schnell erstaunlich sicher. Unterwegs verliert sich das Feld auch ein wenig. Ich bin dann doch als Einzelkämpfer unterwegs, was sicher nicht empfehlenswert ist, wenn man Kräfte schonen möchte. Ich hänge mich immer wieder nur kurz an einzelne Fahrer und arbeite mich dann links nach vorn vor. Natürlich werde auch ich immer wieder überholt. Und was mir sonst noch auffällt: Es sind wirklich erstaunlich wenige Frauen unterwegs.

Die gefürchtete Havelchaussee.

Bei KM 13 kommt die erste „nennenswerte“ Steigung. Naja, vergleichbar mit dem Sauerland ist sie nicht, aber es zieht sich und wir bewegen uns Richtung Grunewald und Havelchaussee. Darüber hatte ich im Vorfeld so einiges gehört und war mir nie so richtig sicher, ob das nun gut oder schlecht ist, dass ich davon schon wusste. Aber egal, nun war ich hier. Und bekanntermaßen wird alles viel kleiner und einfacher, wenn man dann erst drinsteckt. Die erste Steigung an der Straße zieht das Feld aber bereits merklich auseinander. Hier entscheidet dann neben der Fitness auch schon das Material mit, wie gut man unterwegs ist. Ich fahre dennoch beschwingt hoch und bin verwundert über mich selbst. Muss aber auch dazu sagen, dass ich ne 3er Kurbel habe, die man ja nun auch nicht bei jedem Rennrad vorfindet. Klarer Vorteil am Berg. Finde ich.

Durch den Grunewald geht es auf und ab. Es gibt enge Kurven und auch schmalere Wege. Und die ersten Unfälle. Einmal Rettungswagen von hinten, einmal von vorn. Alle machen Platz. Ich habe ein seltsames Gefühl. Gerade auch weil ich wusste, dass in den vergangenen Jahren dort immer wieder, teils schwerere, Unfälle passiert waren. Unser Feld kommt aber gut durch und ich freue mich, dass ich selbst dort die Zeit gut halten und im Schnitt mit knapp 30 km/h unterwegs bin. Die Abfahrten sind natürlich um Längen schneller. Aber da gilt es natürlich wirklich wie ein Luchs aufzupassen. Da ist wohl auch schon der ein oder andere mal in der Vergangenheit aus der Kurve geflogen.

Ich übe mich in Essen und Trinken bei verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit.

Ich fahre wie im Rausch. Unterwegs feuern die Streckenposten uns an. Als wir irgendwann wieder in Wohngebieten unterwegs sind, sind die Anwohner am Straßenrand und geben ihr bestes. Ein Mädchen sitzt dort und spielt Schlagzeug. Großartig. Danke! Darauf einen Snack. Ich übe mich in Essen und Trinken bei verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit auf einem Rad, das „schnell anspricht“, wie man beim Auto sagen würde. Ein kleiner Ruck zuviel nach rechts oder links und das Rad geht mit. Aber es funktioniert und ich ordne mich auch für solche Picknickpausen immer wieder mehr rechts ein.

Keine Zeit für Picknick.

So sind dann auch irgendwann die 30 KM geschafft. Das Feld ist ein ständiges Überholen und überholt werden mit den selben Fahrern. Dank der Namen auf den Startnummern erkennt man dann ja doch den ein oder anderen wieder: „Ach, die Andrea schon wieder. Was macht die denn auf einmal vor mir?“.. Es läuft. Und da kommt dann auch die erste und für uns einzige Verpflegungsstation. Und endlich, endlich bin ich hundert prozentig sicher, dass ich auf dem 60er bin. Ich scheine also noch leise Restzweifel gehabt zu haben. Und ich lasse die Verpflegungsstation links, bzw. in diesem Fall rechts, liegen. Denn ich will ja mein Ziel unter 2 Stunden erreichen. Und bin zudem gut versorgt mit meiner Nahrung.

Dabei habe ich Traubenzucker, vier Gels, 1 Magnesium, einen Riegel (den gabs zum Start) und zwei Trinkflaschen mit Elektrolythen. Unterwegs gebraucht habe ich tatsächlich nur eine Trinkflasche und zwei Gels. That´s it. Den Rest gabs dann später.

Die zweite Hälfte ist so megacool wie sie auch herausfordernd ist. Das Tempelhofer Feld ist windig und plötzlich sonnig und völlig ungeschützt auf großer breiter Fläche. Ich komme wir grad eher vor wie auf ner Radtour. Hatte ich mich eigentlich auf diese Etappe gefreut, merke ich, das ist doch nicht so meins grad. Aber ich trete fleißig weiter und freu mich auf das Finale. Als ich irgendwann dann die ersten – bzw. letzten – Fahrer mit den Buchstaben F auf dem Rücken überhole, freu ich mich ein bisschen. Wie berauscht geht es Richtung Mitte. Es wird wieder deutlich urbaner. An den Kreuzungen diskutieren die ersten Streckenposten mit Fußgängern und den letzten Partygästen, die die Berliner Clubs so langsam ausspucken, und die die Straße nicht queren dürfen. Und natürlich gerade so gar kein Verständnis haben für diese ganzen lustigen Wochenendsportler in bunten Klamotten und Tour de France Optik.

Kopfkino.

Wir nähern uns dem Ziel. Es wird etwas komplizierter. Schienen sind mehrfach zu queren. Drumherum wird es voller. An der Eastside Gallery läuft das volle Touriprogramm. Ich schweife ab. Überlege wie weit es wohl noch ist. Meine Konzentration lässt nach. Und dann mache ich einen entscheidenden Fehler: Ich blicke auf die Uhr.

Meine Uhr habe ich bereits vor dem offiziellen Start gestartet, da ich nicht abgelenkt sein wollte. Nun spuckt mir der Tracker irgendeine Laufzeit aus, mit der mein Kopf beginnt zu arbeiten. Hm, drei hin..fünf im Sinn… Wann sind wir nochmal los? Wann hab ich das Ding gestartet? Waren das 20 Minuten vorher? Oder nur 15? Jede Minute ist grad entscheidend, denn ich versuche, während ich bei KM 50 durch die Straßen Berlins rase, ganz nebenbei auszurechnen, ob ich es wohl unter zwei Stunden schaffe.

Meine Beine werden müde. Mein Kopf freut sich über eine völlig neue Beschäftigung jenseits von „Treten, treten, treten…!“ und verballert seine Energie für Blödsinn. Denn ich kann es ohnehin nicht ausrechnen grad. Weiß er aber nicht. Also will er nicht wissen. Von Island kenne ich auch noch mein „last 10k-disease“. Immer so etwa 10 KM vor Ende schaltet sich der Kopf ein und beginnt zu bremsen. Nervig sowas. Vor allem, da ich genau weiß, dass der Kopf alles entscheidet. Nicht die Beine. Also die auch. Aber eben nur, wenn der Kopf es auch will. Gerade deshalb habe ich übrigend während meines Rennens immer wieder das Mantra „Wie sehr willst du das hier wirklich?“ gedacht. Klingt vielleicht seltsam. War aber ein Mega-Ansporrn. Gelesen habe ich darüber in einem Mentaltrainingbuch, wo es um die Vorbereitung von Spitzensportlern auf Wettkämpfe geht. Und um genau diese Kopf-Fallen. Klar bin ich hier nur ein Jedermann, aber Menschen sind wir alle. Und das mit dem Kopf, das kennt sicher der ein oder andere, egal in welcher Liga.

Immer steht irgendwo „Mitte“ auf den Verkehrsschildern.

Was soll ich sagen. Die letzten sechs Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Immer steht irgendwo „Mitte“ auf den Verkehrsschildern, aber nie sehe ich das ersehnte Ziel. Dann nochmal am Bahnhof vorbei. Noch ne Kurve. Noch n kleiner Anstieg. Menschen links und rechts mit der großartigen Erkenntnis: „Nur noch einmal hoch, dann habt ihrs geschafft!“ Ja, danke… ich werde ungeduldig. Sehe das vorletzte Tor, das die letzten Kilometer ankündigt. An dieser Stelle darf übrigens das 60er Feld ins Ziel und das 120er Feld auf die zweite Runde fahren. Ich klopfe mir kurz noch innerlich auf die Schulter, dass ich mich für die 60 entschieden habe. Puh! Was hätt ich jetzt Bock auch noch die 120 zu fahren.. Ich durchfahre das Tor auf dem steht „Ihr seid alle Helden!“ Hey, genau mein Thema. Gänsehaut..Zieleinfahrt.. Straße des 17. Juni. Ich bekomme nichts von alledem mit. Sehe nur das Finisher-Tor, gehe nochmal tief in den Lenker und gebe mein wirklich allerletzes bestes. Zieleinfahrt. Keine Ahnung was da oben auf der Uhr stand. Keine Ahnung, ob ich mein persönliches Ziel für das erste Rennen geschafft habe.

Velothon Berlin Radrennen Tanja Ney Rookie

Klick klick…ahhhhhhhhhh!

Aber: Ich bin sowas von glücklich. Nach zwei Stunden irgendwas höre ich endlich auf wie ein Berseker in die Pedale zu treten und das erste Mal kehrt wirklich wieder Ruhe ein in meinen Körper. Am Rand stehen mittlerweile zahlreiche Zuschauer. Ich rolle in den Finisherbereich. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit bis zum endgültigen Endpunkt. Anhalten. Raus aus den Klicks. Um mich herum überall die gleichen Geräusche. Klick klick…ahhhhhhhhhh! Ich fühl mich gleichzeitig so müde und lebendig wie schon lang nicht mehr.

Was bitte war denn das die letzten zwei Stunden? Wow!

Ich steige vom Rad, versuche mich zaghaft zu dehnen und zu bewegen. Richtung Ausgang in den Finisher Bereich, wo ich meine Medaille bekomme. Hunderte Radler mit ihren Rädern schieben sich müde aber glücklich gemeinsam nach vorn. Ich hatte eine Gravur mitgebucht und dann würde nun auch meine Stunde der Wahrheit schlagen. Meine persönliche Zeit. Die weiß ich nämlich bis dato noch immer nicht. Aber sie wird gleich auf meiner Medaille stehen.

Ich stelle mich mit dem Rad in der Schlange an. Zeit ein wenig runterzukommen. Am Zelt angekommen zeige ich meine Starternummer und gebe meine Medaille ab. Fünf Minuten später wird mein Name ausgerufen: „Ja, hier!“ Ich fummel mich durch. Ist dann doch ne große Herausforderung diese Kombi: Alle sind müde, müssen aber noch ihre Räder irgendwie durch die Menge und in den Schlangen navigieren, halten, Sachen abgeben, entgegennehmen. es ist eng. Alle haben Durst, müssen mal. Sind kaputt. Und glücklich.

Stunde der Wahrheit.

Ich nehme die Medaille entgegen. Schaue auf die Gravur: „2:05:56“ – Hm….. hm….. und dann lese ich 65.2 KM darunter. Yes, I did it! Ziel war es, die 60KM mit einem 30er Schnitt zu fahren, also unter 2 Stunden. Ich hab´s also gepackt!

Der Rest ist schnell erzählt: Mit großem logistischem Aufwand das Erdinger Alkoholfrei im Zielbereich abgeholt, Wiesenplatz im Schatten gesucht. Schuhe aus. Rad ablegen. Noch zwei weitere Erdinger. Prost.

Tanja Ney Velothon Berlin Radrennen

#feierleise

Ich gehöre dann auch zu den Menschen, die nach so einer Aktion Ruhe genießen und einfach mal runterkommen müssen. Das hab ich dann auch so durchgezogen und mich einfach innerlich ein wenig gefeiert und war ne Weile noch ziemlich sprachlos. Immerhin habe ich dann letztendlich Platz 329 von 750 Frauen in meinem Rennen belegt. Mit nem 31er Schnitt. Das ist schon ganz schön okay fürs erste Mal. Und für Hamburg habe ich mich jetzt mit 30km/h angemeldet. Ich werde berichten. Sicherlich nicht das letzte Mal. Ich bin sowas von stoked. Oder wie mein Dad sagen würde: „Das ist ja schön, dass du das nochmal machst. Wenn einem etwas gefällt, dann muss man das auch machen!…aber…warum dir das erst mit 40 einfallen muss…!?“

Ich freu mich wie bolle und bin vom Rennfieber gepackt. Mich hat im Nachgang jemand gefragt, was das besondere daran war für mich. Und ich kann nur sagen:

„Dieses Gefühl, dass du dich zwei Stunden lang ausschließlich darauf fokussierst dein bestmögliches zu geben und nichts zu tun ist, ausser unermüdlich zu treten. Sonst gar nichts. Mit dem Ergebnis, dann am Ende dein Ziel auch zu erreichen und zu wissen, du hast es geschafft und im Vorfeld wirklich alles dafür getan. Das nennt man wohl auch Flow.“ – Danke, Berlin.

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2 Gedanken zu „Mein erstes Radrennen – Velothon Berlin als Rookie

  1. Hallo Tanja,
    danke für diesen tollen Block. Auch für mich war es das erste Mal und wenn ich hätte den Tag zusammenschreiben müssen, es wäre eine Beschreibung geworden, die deiner fast identisch ist. Die Gefühle vor dem Start, das Durchfahren des Starts, das Einsortieren und Verstehen, wie alles Funktioniert, der aufkommende „Flow“, der Rausch, die Geschwindigkeit auf dem Rad, die deutlich über dem liegt, was ich mir vorher ausgemalt habe, die Zielgrade, das innere Glücksgefühl.
    Du hast in Worte gefasst, was ich kaum beschreiben konnte. Danke. Auch heute habe ich das Grinsen noch im Gesicht und die Gänsehaut am Körper.
    Drücke dir die Daumen für Hamburg. Ach, ich habe mich übrigens auch sofort angemeldet. Hoffe, dass es wieder so spannend wird.
    Gruß Dirk

    1. Hey Dirk, danke für das Feedback! Freut mich, wenn es dir genau so ging wie mir 🙂 Es war einfach grandios. Vielleicht sehen wir uns ja in Hamburg. Ich freu mich wirklich schon riesig auf das Rennen! Beste Grüße & Attacke. Wir sehen uns on the road 🙂 Tanja

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