Offline gehen | ein Selbstversuch

Dieser Text aus dem Jahr 2010, mit dem ich eine Ausschreibung gewonnen hatte, scheint mir aktueller denn je. Gerade diese Woche habe ich zwei Seminare zum Thema Medien & Kommunikation für junge Erwachsene gegeben und festgestellt, dass das Thema allgegenwärtig ist. Auch auf Reisen.

Zwei Wochen iPhone Sabbat haben (nicht lange) ihre Spuren hinterlassen!

Schon witzig, dass es nun ein Gewinnspiel zu genau diesem Thema gibt denn in meinem vergangenen Sommerurlaub auf Santorin habe ich 1. selbst die Erfahrung gemacht, was es bedeutet offline zu sein, 2. das dazu passende Buch gelesen und 3. mir fest vorgenommen Herrn Rühle mal einen Bericht abzuliefern. Dies tue ich nun auch gern an dieser Stelle, mit Hoffnung auf einen Büchersegen..
Meine Urlaubsvorbereitungen begannen mit einer leichten Verunsicherung über die Gefahren eines smarten Telefons in Urlaubsländern. Wann und wo verbindet sich dieses selbständig denkende Ding denn nun und verursacht womöglich horrende Kosten!? Um es kurz zu machen: Die Suche im Netz (!) blieb erfolglos, zahlreiche Forenbeiträge waren nutzlos und TV Beiträge taten ihr übriges: Mein iphone blieb (das allererste Mal!) komplett aus!So kam es also, dass ich, angekommen am Umsteigeflughafen Frankfurt, mein geliebtes Kommunikationsgerät auf Flugmodus stellte und es erst nach 14 Tagen wieder einschalten sollte. Flugmodus deshalb, weil: Ich wollte es ja als iPod nutzen – deshalb kam es ja überhaupt erst mit in den Urlaub!
Gesagt, getan…spannend war: Die ersten Tage im Urlaub mit neuer Ruhe machten mich zugegebenermaßen etwas nervös. Ich verspürte eine leichte Unruhe in mir..Hm, kam da nicht doch vielleicht noch ein Anruf rein von der Bewerbung die ich laufen hatte…Ob wohl die Mailbox funktioniert? Na…die könnt ich ja mal abhören zwischendurch, oder? Nee, doch nicht…ist ja nicht konsequent! Ganz oder gar nicht…Und die Erinnerungen an den letzten Urlaub, wo ich nur EINMAL kurz die Mailbox abhören wollte und mich dann plötzlich stundenlang am hoteleigenen Rechner und am Telefon wiederfand um Probleme in der Heimat zu lösen, die für mich jetzt eigentlich gar keine Rolle spielten. So ließ ich es also diesmal sein. Nervös machte es mich trotzdem! Die Tage gingen ins Land, ich las Axel Rühles Buch und hatte das Gefühl mich in einem Selbstexperiment zu befinden. Tatsächlich ist ja der Verzicht von süchtig machenden Mitteln (und dazu zähle ich auch das iPhone) etwas sehr faszinierendes: Die Wahrnehmung wird geschärft. Plötzlich fiel mir erst auf, wie nahezu jeder Hotelgast immer ein Handy dabei hatte. Beim Frühstück, am Pool, auf der Terrasse, am Strand…Und ich war schon so “clean”, dass ich mir ein Urteil erlauben durfte. Fand ich zumindest: Die können ja nichtmal entspannen. Wie anstrengend…Mann, wie kann man denn überall sein Handy mit hinschleppen!?…Aber ich lernte auch dazu: Die die besonders lange und ausgiebig telefonierten waren immer ganz sicher: Die griechischen Urlauber. Logisch, fand ich, denn die haben ja ihr eigenes Netz quasi mitgebracht und müssen keine bösen Rechnungen befürchten. Hm, war ich da etwa neidisch? nur ein klein wenig vielleicht?…Naja, vielleicht an dem Abend als eine Horde Hotelgäste in unsere Stille einfiel und plötzlich mit Laptop am Pool saß..”Wie kann man denn nur!?” dachte und sagte ich….Nur wenige Minuten später überlegte ich: Hm, obs hier Wlan gibt? An diesem idyllischen Ort, wo die Welt stehengeblieben sein scheint? Mit Blick auf diese wunderbare Caldera….?Dann könnte ja mein iPhone..also dann könnte es ja…also so ohne Kosten..nur mit Wlan..wenigstens Emails könnte man dann…NEIN! Ich habs nicht getan..stattdessen andere dabei beobachtet wie sie abends bei traumhaften Sonnenuntergang dasaßen, statt auf das Naturschauspiel auf ihren Bildschirm starrten und ihren facebook-Account pflegten..Pff…dachte ich. Brauch ich nicht! Weiß ja auch jeder dass ich in Urlaub bin. Und wie schlecht muss mein Urlaub bitte sein, wenn ich Zeit habe, meinen facebook Account zu pflegen!? Also blieb ich standhaft, bis zur letzten Urlaubsminute!Und es war großartig!Mein Highlight in diesem Urlaub darf allerdings nicht unerwähnt bleiben: Unsere letzten Urlaubstage verbrachten wir an einem sehr schönen recht abgelegenen Strand. Vor uns machte es sich eine deutsche Familie bequem. Ein Vater mit seinen beiden Söhnen. Beide recht klein. Ich schätze mal etwa 13 und 6 …so in der Ecke..Der Vater macht sch auf zum Büdchen, Getränke holen. Kurz darauf bricht der kleinere der beiden in Tränen aus und weint hemmungslos. Der große Bruder versucht ihn zu trösten und ich denke mir..Oh je, der Kleine vermisst seinen Vater und denkt der käme nicht wieder..Armer Kerl! Wirklich mitleiderregend diese Szene! Nach ein paar Minuten kommt der Vater mit Verpflegung zurück, fragt den Großen was denn los sei und siehe da – und da hätte ich gern mal mein eigenes Gesicht in dem Moment gesehen!- der Große antwortet: Papa, er hat kein Netz! Kannst Du mal schauen, ob Du Empfang hast?…. Da sind wir also angekommen in unserer Gesellschaft, dachte ich. Kleine Kinder weinen nicht mehr weil sie Ihre Eltern vermissen, sondern weil ihr Handy kein Netz hat!Ich glaube diese Familie schickte mir eine göttliche Fügung an diesen Strand.
So verging der Urlaub langsam und ich habe noch nie so gründlich und ausgiebig Tageszeitung gelesen, was einfach großartig und entspannend (wenn auch etwas teuer) war! Dazu kamen drei Bücher und jede Menge Muße und Ruhe..Bis..ja, bis wir wieder zwischenlandeten. Denn dort, am Flughafen Frankfurt, waren wir ja wieder im deutschen Netz!Und so kam es dass ich, kaum saßen wir im Shuttlebus, noch auf dem Rollfeld, meinem iPhone wieder Leben einhauchte. Rückblickend schäme ich mich fast dafür..Ich erwartete klopfenden Herzens eingegangene Emails, SMS, Anrufe und was sonst noch so anfällt in der digitalen Welt. Soviel sei gesagt: Es waren nicht viele Nachrichten und SMS kamen überhaupt gar keine an. Keine Nachricht auf der Mailbox (also auch kein neuer Job der auf mich wartete), nur Belanglosigkeiten in meinem Emailaccount..Wow! Und dafür macht man sich so verrückt und denkt man verpasst was.Unglaublich! Dass keine SMS gesendet wurde ( auch wenn ja jeder wusste ich bin in Urlaub) wollte ich einfach nicht glauben und weiß nun dank Nachfrage bei meinem Mobilfunkanbieter, dass diese nur eine sehr kurze Halbwertszeit haben: 48 Stunden. Ist das Handy darüber hinaus nicht empfangsbereit, werden die Nachrichten einfach wieder gelöscht. So einfach ist das! Gut, dann muss ich mir ja keine Sorgen machen, dass keiner geschrieben hat, dachte ich. Die letzten Stunden unseres Urlaubs verbrachten wir auf dem Frankfurter Flughafen weil unser Rückflug Verspätung hatte. Und so saßen wir dort zu zweit und doch allein an einem Tisch, tranken Kaffee und starrten auf das jeweilige iPhone. Stille…Jeder war nach zwei Wochen wieder in der Netzwelt abgetaucht. Und so kam es, dass ich noch am Flughafen meinen facebook Account pflegte: Ich bin wieder da!
Das ging schneller als ich dachte….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.