300km mit dem Rennrad? Kannste schon so machen..

…aber dann wirds halt herausfordernd. Oder eben auch einfach: gut.

Ich bin euch noch einen Nachbericht schuldig. Zur diesjährigen Ruhr2NorthSea Challenge am 23. Juni in Duisburg. Genau genommen von Duisburg bis nach Bensersiel. 300 Kilometer Freiheit vom Pott bis an die Nordsee. Und bevor jemand fragt: Ja, ohne Übernachtung. Das ist, wenn ich mich recht erinnere, die meist gestellte Frage im Vorfeld gewesen. Vor der zweitplatzierten Frage: Tut dir denn da nicht der Hintern weh? Und auch da kann ich jetzt ein klares Nein zurückgeben. Den dritten Platz belegte übrigens dann: Bist du denn so eine Strecke schonmal gefahren. Und auch hier: Nein!

Aber beginnen wir von vorn. Ich möchte gar keinen allzu detallierten Tourenbericht hier abgeben, denn davon gibt es bereits einige. Mir geht es vor allen Dingen darum, drängende Fragen zu beantworten. Fragen, die mir oftmals gestellt wurden. Fragen, die sicherlich die meisten Menschen davon abhalten überhaupt nur darüber nachzudenken so eine Herausforderung anzunehmen. Und Fragen, die ich eben auch vorher noch gar nicht hätte beantworten können. Es jetzt aber umso lieber tue.

Mir geht es also vor allen Dingen darum, was Menschen, respektive mich, antreibt solch eine Challenge anzunehmen. Und was ich aus eigener Erfahrung nun an lessons learned mitnehme. Auch über mich. Meine Empfehlungen. Mein Kopfkino, oder auch Mndfck, wie ich ihn immer liebevoll nenne. Ganz schön viel Zeit nämlich auf so einer langen Tour. Sagen wir mal so: Ich denke, dass das Thema Mentaltraining bei solchen Langstrecken eine beachtliche Rolle spielt. Denn der Kopf hat ganz schön viel Zeit zum Denken. Genau genommen waren es bei mir etwa 17 Stunden. Von denen ich 13.5 im Sattel gesessen habe. Und nein, der Hintern tat mir nicht weh. So sehr ich mich auch anstrenge eine Situation zu finden, in der ich da mal nachfühlen hätte müssen.

Also, beginnen wir mit der Kommunikation im Vorfeld. Ich hab mich also angemeldet bei dieser Challenge, weil ich einfach Bock drauf hatte. Nicht mehr. Nicht weniger. Naja, und im Gegensatz zu meiner Islandtour damals oder meinem ersten Radrennen im vergangenen Jahr verfügte ich diesmal auch über ein passendes Fahrrad, nämlich mein Rennrad. Eine solche lange Strecke bin ich noch nie gefahren, aber mich hat dieser Gedanke fasziniert stundenlang mit hunderten (am Ende waren es etwa 700) anderen Radlern ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. An dieser Stelle steigen die meisten ja schon gedanklich aus.

Was bitte soll daran faszinierend sein!? Erschreckend ist das. Kann ich mir gar nicht vorstellen!

Tja und da beginnt das “Abenteuer Tanja Ney” vermute ich. Ich bin, so denke ich, schon auch ein wenig ein Typ für sowas und entsprechende Gene wurden mir irgendwann mal von irgendwem untergejubelt (denn meine Familie kann da absolut keinen Einfluss drauf gehabt haben – Sry, Mum & Dad!). Zur Entlastung der meisten Menschen, die schon gedanklich an diesem Punkt aussteigen sei gesagt: Diese Distanz gehört bereits zu den Strecken, die wir kognitiv gar nicht in Gänze erfassen können. Leider weiß ich die Quelle nicht mehr, aber es ist belegt, dass wir ab einer bestimmten Länge, Höhe, Weite, Dauer das ganze Unterfangen gar nicht mehr richtig einordnen können. Und vielleicht ist das auch gut so.

Meine Chance, um an den Start zu gehen. Hirn ist also raus. Top! Ich mach mit!

Ich selbst bin zuvor und auch nur einmal 100 Kilometer am Stück gefahren. Etwa ein Jahr zuvor. Strecken von 50-80 Kilometer sind übliche Trainingsdistanzen und keine Seltenheit. Wobei es sich doch sicherlich eher um die 60-70 eingependelt hat in den letzten Monaten. Ergo: Nicht annähernd bin ich die 300 mal irgendwann irgendwo mit irgendwem gefahren. Zu der Frage aber also mein klares Statement, das ich nicht müde werde zu wiederholen: Nein, du musst diese Distanz auch nicht schonmal gefahren sein, um sie zu fahren. Wie blödsinnig ist das aber auch? Klar, mal sich annähern und vielleicht die 200er vorher zur Probe (die bietet der Veranstalter nämlich auch an), auch ne Option. Aber eben nicht meine Herangehensweise. Mein Motto ist eben: Ganz oder gar nicht. Und die Mindestvoraussetzung in meinen Augen für solch ein Event:

Du solltest fit und gesund sein, trainiert haben, optimalerweise Radfahren können und vor allem Stehvermögen in Sachen Willensstärke mitbringen. Der Rest ergibt sich von selbst. Ob du dann am Ende 200 oder 300 Kilometer fährst: Dein Rüstzeug ist das gleiche.

Der Mndfck den ich mitgebracht hatte war übrigens mein persönliches Armageddon: Der Megamarsch 2017. Den bin ich nämlich, gemeinsam mit einem Kumpel, angetreten und habe nach 60 Kilometern das Handtuch geworfen, weil meine Gesundheit mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. 100 waren das Ziel. 60 hab ich geschafft. Aber natürlich einige Tage lang immer nur gesehen, was ich nicht geschafft habe. Und dann erklär mal jemandem, der sich mit diesen ganzen Mentalthemen auseinandersetzt, dass plötzlich nicht der Kopf entscheidet, sondern die Gesundheit. So war es aber dann eben und das hatte ich dann auch irgendwann abgenickt und verstanden. Mittlerweile bin ich auch stolz auf die 60 Kilometer, die ich immerhin in 14 Stunden durch die Nacht marschiert bin. Damals habe ich entschieden: ich mach nix mehr zu Fuß. Challenges nur noch mit Fahrrad. Das ist eher so meine Disziplin. Mit dem Megamarsch im Hinterkopf hatte die R2NSC aber nun doch ähnliche Parameter, die ich nicht einschätzen konnte. Ich bin schon sehr überzeugt von meiner Willensstärke. Aber wenn der Körper, trotz Training, schlapp macht? Ich konnte es nicht sagen und hoffte einfach das beste. Aus dem Marsch hatte ich immerhin schon einiges gelernt.

Und letztlich bleibt die Erkenntnis: Du kannst nicht mehr tun, als dich optimal vorbereiten. Punkt. Mehr geht nicht. Mental und körperlich.

Und dann gesellen sich noch weitere lustige Gesellen wie deine Tagesform, andere Menschen, Gruppen, Wind, Wetter, Schlaf in der (halben) Nacht vorher – wir sind um 4:30 gestartet.. dazu. Wanwitzigerweise gibt es sehr häufig diesen einen Aufwachmoment in meinem Leben, wo ich morgens früh den Wecker höre und denke “Was war heute nochmal? Oh nein… Warum um alles in der Welt…Wer hat mich denn da schon wieder angemeldet?”

Und dann siehste dein Rad da stehen. Mein Material, Radklamotten usw. lege ich auch schon immer schön parat, Startnummern sind schon da wo sie hingehören und indem ich dann aufstehe wirds ja dann doch schön kribbelig. Wenn auch ich diese explosive Mischung aus Müdigkeit, Freude und Aufregung immer sehr speziell finde. Aber hey, I like it. Und neulich hat mal ein Triathlon-Kumpel zu mir gesagt:

Genau deshalb machen wir das doch, wenn wir ehrlich sind, oder?

Jepp, genau so ist es. Und jetzt möchte ich gern mal eine Lanze für die Faszination brechen. Ich gehöre zu den Menschen, die wirklich Gänsehaut bekommen, wenn sie mit hunderten anderen motivierten Menschen, die einfach Bock haben im Startblock stehen. Jedem ist diese explosive Mischung in unterschiedlichen Ausprägungen anzusehen. Jeder will etwas. Sich selbst herausfordern. Etwas erleben. Glück. Spaß. Und ein Stück weit sicherlich auch sich selbst ein bisschen besser kennenlernen. Und egal was in all diesen Köpfen vorgeht: Alle haben am Ende das gleiche Ziel: Gesund und munter nach 300 Kilometern im Ziel an der Nordsee anzukommen. Bis hierher hat jeder sein bestes getan und es geht nur noch darum, genau diese Vorbereitung – das Training – mit Freude abzurufen.

Du fährst also los und die ersten Kilometer sind, ähnlich wie bei einem Rennen, einfach nur ein großer Spaß. Denn gestartet wurde in größeren Blöcken (nach Geschwindigkeit). Du hast ne große Gruppe, alle sind irgendwie drauf und noch ist es natürlich überhaupt nicht vorstellbar, wie es ganze 16 Stunden später aussehen würde. Dein Job also: Einfach nur treten, im besten Fall dabei lächeln.

Das hab ich also gemacht. Und vorher auch immer wieder genau so trainiert. Also nicht das Lächeln. Aber das Treten, um irgendwann in diesen eigenen Rhythmus zu kommen. Stoisch gegen den Wind (wir hatten in der Tat die komplette Distanz Gegenwind mit Stärke 6): Drücken Ziehen, Drücken, Ziehen. Und mit den Gedanken ist das so wie beim Meditieren: Da soll man ja auch am besten “Einatmen-Ausatmen” denken, wenn das Kopfkino wieder seine Pforten öffnet. “Drücken-Ziehen” ist hier die Radalternative. Und klar: Das geht auch nicht die ganze Zeit. Zu viele Dinge passieren ja auch irgendwie unterwegs:

Mal verlierste deinen Mitfahrer. Mal denkste über die Gruppe vor dir nach “Hm, wären die vielleicht was, um gemeinsam weiterzufahren?”, den nächsten Verpflegungspunkt “Ob´s da wohl Kaffee gibt?”, die Gegend, die anderen, das Wetter, den Wind, die Pannen am Straßenrand, die App, die zwischenzeitlich ausfällt. Ach, der Kopf findet ne Menge, wenn es darum geht sich nicht zu langweilen.

Dennoch: Wirklich stoisch treten und in den eigenen Tritt kommen, das ist das Geheimnis. Meter für Meter vorwärts und nicht zu weit nach vorn denken. Wie eingangs erwähnt: Das bekommt dein Kopf sowieso nicht gewechselt. Muss er also auch gar nicht erst versuchen. Zu meiner Islandumrundung 2016 hatte ich in einem Interview irgendwann auch mal gesagt:

Naja, ich fahre ja nicht 1400 Kilometer am Stück. Im Grunde fahre ich jeden Tag auch nur eine kleine Fahrradtour.

So ähnlich bin ich die Challenge angegangen. Es gab unterwegs sechs Verpflegungspunkte im Abstand von etwa 30-50 Kilometern. Das waren meine Etappen und haben mir die Distanz in kleine gut verdauliche Häppchen geteilt. In meinem Kopf gab es immer nur von hier bis zum nächsten VP. Drücken, Ziehen. Kopf aus.

Das entscheidende sind für mich im übrigen nicht die aktiven Phasen, sondern die “Sollbruchstellen”. Nach der Pause wieder aufs Rad steigen, das war für viele das schwierigste und auch offensichtliche Quälerei. Nicht selten wurde dann nochmal darüber gesprochen, wenn ich das jetzt mal neutral ausdrücken wollte.

Ich bin ein großer Freund von “what goes around comes around”. Weshalb ich tatsächlich nach jeder Pause wieder gern aufs Rad gestiegen bin und mich auf die Bewegung gefreut und das auch ausgesprochen habe. Klar, das klappt natürlich auch nur dann, wenn einem wirklich nichts bahnbrechend weh tut. Dazu sei aber gesagt: Ein guter Sattel der zum Hintern passt und – in meinem Fall – eine darauf passende Hose mit guter Polsterung (die hier tatsächlich auf den Sattel angepasst ist), sind – neben dem positiven Mindest – die beste Investition in so eine Tour. Mir taten die Füße weh, was ich allerdings einfach immer mit Barfußlaufen an den VP weitestgehend gelöst habe. Also, zack, Schuhe wieder an, Helm auf, Brille, Handschuhe, Rädchen schnappen, Kopf aus und munter weiter.

Meine Erfahrung: Wenn man sich auch in den Pausen nicht allzu sehr aus dem eigenen Flow bringen lässt, dann kann man mit diesem auch wieder zügig in den Tritt kommen und einfach stoisch, übrigens auch in einer Gruppe, weiterfahren.

Das kann und muss man üben. Sicherlich. Manchmal wirkt das auch schon ziemlich nerdig und vielleicht auch ein wenig egoistisch. Aber ich habe gelernt, dass ich meine Ziele dann erreiche, wenn ich mich fokussiere und schaue was ich genau brauche. Ich gehöre dann zum Beispiel auch eher nicht so zu den geselligen Menschen im Startblock oder in den Pausen. Ich kümmer mich einfach nur um mich und versuche mich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen zu lassen. Das übe ich auch in der ein oder anderen Trainingssituation und bin froh, dass es dann im Wettkampf oder bei solchen Events ohne große Anstrengung einfach so da ist.

Das klingt jetzt vermutlich so simpel, kann aber auch manchmal zu seltsamen Situationen führen, die wieder ins Kopfkino einladen. So hatte mich zum Beispiel beim letzten Velothon-Rennen in Berlin eine Athletin im Startblock angesprochen. Sie fuhr das erste Mal und hatte viele Fragen. Zudem war sie wohl auch eher der Typ “Ablenkung” und war froh, mit jemandem sprechen zu können. Ich aber wusste wie mein mentales Warm Up aussehen sollte im Startblock: Kopfhörer rein, Musik hören, fokussieren. Also habe ich mich nach ein bisschen Small Talk kurzerhand entschuldigt und ihr gesagt, dass ich nicht unhöflich sein möchte…aber es doch bin. Weil mir das Rennen wichtig ist und ich einfach weiß was ich in dem Moment am besten brauche.

Und da darf man dann auch einfach mal egoistisch sein.

Ich halte das für einen wesentlichen Punkt, auch mental. Bei sich bleiben. Den eigenen Rhythmus finden. Die eigenen Ziele fokussieren. Und wirklich danach schauen, was brauche ich bei so einer Herausforderung. Das ist gar nicht mal so einfach, denn wie stark man mental unterwegs dann so ist, das lässt sich nur schwer vorher sagen. Aber auch da gilt eben: Das kannst du trainieren und du kannst nicht mehr tun, als dich optimal vorbereiten. Die Nerven liegen selbstverständlich gerne mal blank bei so einer Anstrengung und die eigene Frustrationstoleranz fährt natürlich auch immer mit. Aber die gute Nachricht ist: Die Motivation eben auch. Und der Grund, warum ich überhaupt losgefahren bin.

Als ich irgendwann dann nach 17 Stunden im Ziel angekommen bin, war die überraschendste Erkenntnis tatsächlich die, dass ich nicht ein einziges Mal auf der Strecke gedacht habe “Was für eine dämliche Idee! Ich hab kein Bock mehr!” Nicht einmal. Und das ist kein Fishing for compliments, Das habe ich wirklich gedacht und mir selber damit ein Geschenk gemacht. Weil ich gesehen habe, dass es funktionieren kann. Auch ich wusste natürlich nicht, ob das klappen würde. Ich war mir zu 95% sicher, dass ich gut ins Ziel komme. Aber es gibt eben auch äußere Umstände, die die restlichen 5% ausmachen. In meinem Fall. Bei nicht allzu positiver Herangehensweise und zu großem Respekt gegenüber der Herausforderung mag die Gewichtung auch anders sein und äußere Einflüsse nehmen dir viel schneller den Motivationswind aus den Segeln. Apropos: Wegen des Wetters sind a) so einige Fahrer gar nicht erst angetreten und b) viele Fahrer vorzeitig aus der Challenge ausgestiegen.

 

Ich bin stolz auf  das was ich geleistet habe. Auch wenn ich fest daran geglaubt habe, dass ichs kann. Am Ende bleibt doch immer ein kleines bisschen Unsicherheit. Training hin oder her. Aber ich hab im Vorfeld einfach mein bestes gegeben und bin mit einem sehr positiven Mindset an den Start gegangen. Letztlich danke ich aber nicht nur mir, meinen Beinen und meinem Kopf sondern auch all den Menschen und einer wundervollen Gruppe, die mich mitgezogen hat. Trotz allem Egoismus geht nicht immer alles ganz allein.

Und final möchte ich dazu sagen: Du musst nicht vorher schonmal so eine Strecke gefahren sein. Du musst nur Bock darauf haben und dich darauf einstellen. Körperlich, wie auch mental. Und dann kann das ein Erlebnis sein, das du so schnell nicht vergessen wirst.

Mein Fazit also: 300 Kilometer mit dem Renner? Kannste schon so machen, aber dann wirds halt gut.

Ich habe vor meinem Start übrigens gesagt: “Wenn ich die 300 schaffe, dann fahre ich den Fichkona!” Das sind dann 600. Keep u posted….

 

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