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#52 – Podcast mit Tanja Ney: Mentaltraining, Triathlon und die „Extrameile“

Im Podcast mit Tanja Ney nehmen wir wortwörtlich einen Umweg über die „Extrameile“: Es geht um mentales Training, Motivation und jede Menge Assets, die Tanja in ihrer Arbeit als Mentaltraining mit ihren Athleten nutzt. Außerdem gibt’s einige Tipps, wenn ihr zu Hause selbst mal ausprobieren wollt, wie ihr mental besser werden könnt. Viel Spaß beim Zuhören!

Hier gehts zum Pushing Limits Podcast.

Die Extrameile hat exklusive für motivierte Sportler, gerade in diesen aktuell herausfordernden Zeiten, eine Facebook Gruppe für virtuelle Sportsfreunde gegründet. Hier triffst du weitere Sportler, die die Extrameile gehen wollen. Das wird, neben der Tatsache, dass ihr Bock darauf habt, euch gegenseitig zu motivieren, eure Gemeinsamkeit sein. Egal in welcher Sportart. Ich, Tanja Ney, lizenz. Sportmentaltrainerin, begleite euch dabei. #keeponmoving  WELCOME 🙌

Mein Plädoyer für den Köln Marathon & seine Menschen.

Hey Köln, wir müssen reden. Über diesen Marathon. Bislang habe ich immer nur Ausschnitte mitbekommen, weil dieses Event an meinem Veedel vorbeilief. Wortwörtlich. Das allein fand ich schon beeindruckend. Dieses Jahr wollte ich mehr. Aber nicht laufen.

Ich durfte die letzten fünf Tage Teil der Crew sein. Wir haben zwei Tage lang die EXPO mit aufgebaut und die nächsten zwei Tage, also rund 20 Stunden, damit verbracht etwa 1500 Athleten pro Stunde ihre Startunterlagen rauszugeben, Abläufe zu erklären und manchmal auch nebenbei einfach nochmal ein bisschen Mut zu machen.


Gestern abend habe ich mich dann gefühlt, als sei ich den Marathon selbst gelaufen. Aber nichts liegt mir ferner. (Wie die meisten von euch wissen). Und bin sowas von zufrieden in meinem gesamten Crewoutfit auf der Couch in nullkommanix eingepennt.
Und warum das ganze? Nicht, weil son Job reich macht. Sondern für die einzigartige Atmosphäre. Vor und hinter den Kulissen.

Unermüdliche Zuschauer am Streckenrand, die stundenlang wildfremde Athleten anfeuern und ihre Namen rufen. “So viel Aufwand für eine gratis Banane.” bei KM 41 war übrigens mein Lieblings Supporter Schild! Crews, die 6 Stunden lang Getränke reichen und noch lange vorher aufgebaut haben. Teamkollegen, die auch in Stunde zehn noch freundlich erklären, wie man sich nun die Startnummer genau wohin packt und dass der Transponder nicht geknickt werden darf. Nicht zu vergessen die kleine Startnummer in den Starterbeutel bitte, damit die Wechselklamotten auch wieder zum richtigen Athleten finden. Ach und die Sicherheitsnadeln sind übrigens auch im Bag. Englisch, Deutsch, Französisch. Pas de probleme.

Eliteläufer mit ihren vorausfahrenden Begleitern auf Rädern, das immerfreundlich winkende Führungsfahrzeug, das ich durchwinken darf, der Schlussläufer, der die letzte Läuferin nach über sechs Stunden sicher und fröhlich ins Ziel führt. Begleitläufer, die die Kids beim Schülerlauf motivieren und mitziehen.
Die großen und kleinen Gespräche bei der Akkreditierung. Über gebrochene Knochen, Erkältungen, verpasste Chancen, Freunde für die man heute extra früh aufsteht, weil sie selbst nichts abholen können.

Köln Marathon Ziel Menschen, die nach 42 km ihre Kinder auf den Schultern noch ins Ziel tragen. Freunde, die die letzten Meter mit dir ins Ziel laufen und Staffeln, die sich an den Händen nehmen und mit ihren jeweils über 80 Jahren nach 5:40h den Zielbogen gemeinsam durchschreiten. 

Und besonderer Dank auch nochmal an den Barkeeper des Hotels, der mir einfach so eine große Wasserflasche mitgegeben hatte mit dem Hinweis: “Aber verrats niemandem, sonst kommen gleich alle..!”, wenngleich ich auch wirklich viel Geld investiert hätte, denn ich hatte großen Durst, aber erwartete das Führungsfahrzeug des Marathons in wenigen Minuten auf meiner Position.

Und dann gibt es auch die kleinen und großen Dramen. Läufer, die einen Kilometer vor dem Ziel zusammenbrechen. Und Menschen, die sich kümmern. Wildfremde Menschen am Rand, gemeinsam mit der Crew und auch mit polizeilicher Unterstützung. Alle freundlich, immer besonnen und in gutem Kontakt. Egal wie stressig es ist. Für mich in dem Moment auch der Gedanke, wie traurig es für diese Läuferin sein muss, die heute morgen guter Dinge an den Start ging, um einfach nur Spaß zu haben. Um nun kurz vor dem Ziel aufgeben zu müssen.

Und genau das ist es wohl auch. Diese große Menge an Menschen aller Altersklassen und Voraussetzungen, die motiviert am Marathonmorgen in ihre Lieblingslaufschuhe schlüpfen, aufgeregt sind, auf dem Weg in der Ubahn nochmal ihre Lieblingssongs hören. Fokussiert und müde durch die langsam erwachende Großstadt fahren. Von den unterschiedlichsten Orten. Aber mit einem gemeinsamen Ziel. Egal wann. Denn auch die letzten werden frenetisch gefeiert.

Mich stimmt fröhlich, dass so etwas funktioniert. Mehr als 25.000 Sportler machen sich auf den Weg. Unzählige fremde Menschen kommen zusammen und sind für eine kurze Zeit Fanclub, Trainer, Versorger, Mentaltrainer, Organisator, Ersthelfer, Zuhörer, Tröster und Pacemaker für diese eine Sache.
Köln, ich bin froh ein Teil davon gewesen sein zu dürfen. Und hab nun einmal mehr eine Vorstellung davon, was Menschen meinen, wenn sie sagen in Köln ist die beste Marathonstimmung.

 

Bis zum nächsten Jahr ღ
#koelnmarathon

Vom Fichtelberg im Erzgebirge bis ans Kap Arkona auf Rügen. 600km in 25 Stunden. Hart aber fair.

Es ist 8:30. Wir stoppen an irgendeinem Parkplatz. Dort erwartet uns nach der letzten Etappe wieder unser Verpflegungsvan und mit ihm die Möglichkeit, uns um alles zu kümmern, was wir für die letzten 60 km benötigen, um ins Ziel zu kommen. 538km haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits in den Beinen. Und im Kopf. Der ist auch schon etwas verballert. Nach nun 22 Stunden auf dem Rad. Ich lege mein Rad beherzt auf die Wiese. Etwas zum Anlehnen zu finden kostet mich erfahrungsgemäß einfach zu viel Zeit, habe ich festgestellt. Entdecke ein Dixie Klo. Mega! Auf den letzten Kilometern hat mein Magen etwas rebelliert. Ich bin nicht allein und teile mir Iberogast in der Wasserflasche mit einem weiteren Mitfahrer. Endlich raus aus der Nachtklamotte. Am letzten VP blieb dafür einfach keine Zeit. Irgendwie war ich mit anderen Dingen beschäftigt.

Händewaschen. Erstmals seit gestern morgen 10:00. Mal das ganze klebrige Zeug loswerden von den Gels. The little things. Wer hat sich das denn ausgedacht. Da so einen Kanister mit Handtuch und Seife hinzustellen. Mitten auf die Wiese. Muss ein Genie gewesen sein. Ich stopfe mir noch ne halbe Banane in den Mund, entdecke in genau diesem Moment jedoch auch die Essiggurken. Wie geil ist das denn bitte? Drei Stück geschnappt und zack, in den Mund. Zur Banane. Hmmmm… Alles egal. So egal. Hauptsache salzig. Bringe meinen Starterbeutel noch schnell zum Begleitfahrzeug. Reibe meine Beine mit Sportgel ein. Überlege für die Zieleinfahrt noch ein frisches Trikot anzuziehen, aber entscheide mich dagegen. Der Capitano meldet bereits: “In drei Minuten geht es weiter. Macht euch startklar…!” Das mache ich und stehe zwei Minuten später wieder mit dem rechten Fuß bereits eingeklickt mit meinem Renner parat. Wir rollen los. Der Insel Rügen entgegen..

Aber von vorn. Bevor wir bei KM 538 angekommen sind, ist bereits ne ganze Menge passiert. Und nicht nur einmal war ich kurz davor das Handtuch zu schmeißen. The struggle is real.

Die Fichkona Challenge startet am Fichtelberg im Erzgebirge. Ich bin schon seit zwei Tagen dort, um in Ruhe anzukommen. War gestern bereits hier oben auf dem Berg und es hat geschüttet wie nichts. Zugegebenermaßen auch meine Laune getrübt. So sehr ich mich darin übe, mich von äußeren Umständen nicht beeinflussen zu lassen. Auf einen Start im Regen, mit der Aussicht noch 24 Stunden unterwegs zu sein. Darauf hatte ich einfach keine Lust. Basta.

Ich starte also bin ich. Grandiosblöder Zustand & Logistik.

Als ich am Startmorgen auf dem Berg ankomme, ist es leicht bewölkt. Viele andere Mitfahrer freuen sich ebenso sehr über diesen Umstand. Es ist wuselig. Mit dem Auto kann ich nicht ganz hoch, jedoch auf den Parkplatz, etwa 150m unterhalb der Bergstation, fahren. Ich lade dort meine Sachen hin und her. Habe schon den ganzen Morgen überlegt, wie es wohl am cleversten sei mit den zwei Taschen und dem Renner. Entscheide mich für die Rügenreisetasche, die am Ziel dann hoffentlich auch auf mich treffen wird, und mein Rad. Beherzt entscheide ich mich den recht steilen kurzen Anstieg nach oben zu fahren. Bin dabei bereits leicht außer Atem, weil mein Puls ohnehin schon Polka tanzt. Zwar fühle ich mich gar nicht mal so sehr aufgeregt. Aber eine gewisse Grundanspannung, die ja eben auch wichtig ist für so ein Event, ist vorhanden.

Und ich bin seit gestern Abend auch nicht mehr ganz ich selbst.

Oben angekommen orientiere ich mich. Finde die Startbeutelausgabe. Hole mir die Anti-Reh-Unfall-Bändchen ab, das sind blaue Leuchtbänder für die Arme, da es im letzten Jahr, teils schwere, Kollisionen gegeben hatte in der Nacht. Mit dem Startbeutel wandere ich nochmal zum Auto. Mein Rad bleibt stehen. Ohnehin schieben die meisten ihr Rad entspannt hinauf auf den Berg. Keine Ahnung warum ich mal wieder hier Vollgas geben muss auf den ersten Metern. Auf dem Weg nach unten kommen mir viele Fahrer entgegen. Oftmals lächeln wir uns an. Räder werden begutachtet. Einem jungen Mann mit nem schicken pinken Willier muss ich einfach noch sagen, dass er n echt schickes Rad hat. Er bedankt sich.

Das gibt Karmapunkte, denke ich. Kann ich sicher brauchen unterwegs.

Zweimal begegnen mir immerhin auch zwei Mädels bei der Tour de Parkplatz. Ja, man erkennt sich und grüßt. Wie man das eben so macht, wenn es zwar insgesamt 190 Starter, jedoch nur 4 Mädels gibt bei dem Event.

Am Auto räume ich den Starterbeutel um. Werbematerial raus. Nützliche Sachen rein. Nicht falsch verstehen. Waren auch coole Sachen drin. Zum Beispiel n schicker Fichkona Wandkalender. Aber ich sag mal so: Dermaßen unpraktisch für so eine Tour. Stattdessen finden Riegel, Gels, Dextros, Isotabletten, Cashews, Cremes, Klamotten und Tools ihren Weg in meinen Beutel. Auf diesen kann ich während der Tour immer wieder zugreifen, da er sich in einem der beiden Begleitfahrzeuge befindet. Ein wirklicher Luxus und nicht zu unterschätzen, wie wir noch sehen werden.

Oben am Berg angekommen bekommt mein Renner seine Startnummer. 148. Ich finde das irgendwie immer einen besonderen Moment. Sobald auch das Rad damit “geschmückt” ist, wird es ernst.

Sind wir nicht mehr einfach nur im Training unterwegs, sondern haben eine Mission: Ankommen. Die 148 ins Ziel bitte! Die 148 bitte!

Überall wuselt es. Fahrer werden verabschiedet. Aus den Boxen dudelt Musik. Irgendwann läuft “We are the champions…” Ich denke mir: Na hoffentlich.. und fühle mich zurückversetzt in meine Jugendzeit, als ich mit einer noch gänzlich anderen Sportart oftmals auf dem Treppchen stand und auch dieses Lied rauf und runter gespielt wurde.

Es wird durchgegeben, wo die Taschen hinsollen. Unvorstellbar, wie es wäre, wenn mein Starterbeutel nun in Gruppe 1 mitfährt und mir am Ende gute vier Stunden voraus wäre. Also gut aufpassen.

Auch in diesem grandiosblöden Zustand zwischen Müdigkeit, Aufregung und einfach nur los wollen, muss es möglich sein von 1 bis 4 zu zählen.

Vier Gruppen gibt es nämlich. Ich fahre in Gruppe 3. Zunächst.

Ich zögere den Moment hinaus, wo mein Starterbeutel in das Begleitfahrzeug wandert. Irgendwie wird es dann ernst. Und ich habe dann wirklich erstmal nur noch das bei mir, was ich bei mir habe. Bin sozusagen nackig. Naja, so fühle ich mich jedenfalls. Logisch. Aber auch ein bisschen beängstigend. Hab ich auch alles bedacht? Alles dabei? Der erste Stopp ist erst nach 96km. Wenn ich ehrlich bin, bin ich diese Distanz zwar schon oft, aber noch nie ohne Stopp gefahren bislang. Und ich weiß auch, dass die ersten 100km noch sehr hügelig sein werden im Erzgebirge. Ich will einfach gut starten.

Wolken ziehen auf. Es wird frisch. ich bin froh, dass ich mich doch für das Schlechtwettertrikot entschieden habe. Ein bisschen auch aus mentalen Gründen, denn das Gabba habe ich mit genau dieser Hose auch bei meiner ersten 300er im letzten Jahr getragen. Fühlt sich einfach gut und sicher an.

Pressephotos. Briefing. Noch schnell auf tolle Menschen treffen, die ich bislang nur aus dem Netz kannte. Man verbündet sich ja schnell unter Verrückten. Find da mal wen. Nochmal aufs WC. Und nochmal. Und nochmal. Ja die 96km kennen gedanklich bei mir gerade wirklich keine Gnade.

Die Friedensglocke wird geläutet. Das Zeichen für den Start. Gruppe 1 macht sich bereit. Die Begleitfahrzeuge positionieren sich. Viele Zuschauer sind gekommen. Einige von Ihnen werden wir unterwegs an der Strecke sogar immer mal wieder sehen, weil sie ihre Fahrer begleiten und anfeuern auf dem langen Weg ans Meer. Ein ganz cleverer Mitfahrer hat sogar Physiofreunde unterwegs dabei, die ihn an den VPs versorgen. Profi!

Ich stehe inmitten des Felds und hoffe, in der richtigen Gruppe zu stehen. “Fährst du Gruppe 3?”, fragt mich ein Typ. Jepp. Du auch? Puh. Wenigstens steht schonmal mindestens ein anderer da wo ich stehe. Gruppe 2 macht sich bereit. Wir müssen nochmal ordentlich schieben und Platz machen, weil die Fahrzeuge durchmüssen. Es fährt immer jeweils eins vorn und hinten. Stand auch in dem Briefing, das mit dem Platz lassen. Aber die Hirnkapazität ist glaube ich in diesem Moment bei uns allen, gelinde gesagt etwas runtergefahren.

Dann kommen wir. Gruppe 3. Der Moment, wo es plötzlich einfach in wenigen Sekunden losgeht. Das worauf du monatelang hingearbeitet hast. Geht. Jetzt. Einfach. So. Los.

Ab jetzt also nur noch so 600 Kilometer.

Und wir rollen los. Den Berg runter. Knapp 70 Fahrer sind in meiner Gruppe. Mit mir noch zwei Mädels. Die Ansage vor dem Start war: Bitte den Fichtelberg runter nicht schneller als 60 Sachen. Okay. Was schießt mir gerade alles durch den Kopf. Wow, so viele Menschen. Cool, Abfahrt. Hey, läuft meine Garmin nicht? Während der ersten Meter drücke ich noch irgendwie wild auf den Knöpfen herum. Bevor ich die erste Kurve erreiche läuft alles. Irgendwann verstehe ich auch was passiert ist, denn ich habe ja viel Zeit zum Denken unterwegs. Ich nutze diesmal den Ultratrac Modus der Garmin Uhr, da sie dann eben länger durchhält. Bei meiner ersten und letzten 300er hatte ich sie dummerweise exakt so eingestellt, dass der Akku bereits bei 150km alle war. Anfängerfehler. Diesmal sollte das besser laufen. Dafür ist die Aufzeichnung und sind die Daten ungenauer. Aber das macht nix. Hauptsache ich komme an.

Wir sind dann also mal unterwegs. Anfangs noch alles was wuselig. Bergab. Alles muss sich etwas finden. Bei jedem Einzelnen und in der Gruppe. Adrenalin pur auf den ersten Kilometern. Menschen am Straßenrand und an ihren Häusern feuern uns an. Ich schaue auf den Tacho:

Wow, schon fünf Kilometer. Das sind dann also noch…

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es Distanzen gibt, die kognitiv gar nicht mehr für uns erfassbar sind. So ungefähr fühlt es sich an. Hier ist grad gar nix mehr irgendwie kognitiv erfassbar. Und ich bin froh, dass ich endlich nur noch das tun muss, was ich trainiert habe und am besten kann: Radfahren. Treten. Meter für Meter für Meter. Das große ganze zwar im Blick, aber immer den Fokus auf das Hier und Jetzt. Und irgendwann stellt er sich ein, der Moment. Den ich auch vom Rennen kenne. Da macht es plötzlich “Klick”, ein Schalter legt sich um, ich bekomme Gänsehaut und weiß: Das packst du! Ganz tief drinnen ist das irgendwo. Und ich könnt jedesmal ausflippen, wenn es da ist. Endlich!

It´s part of the game.

Nach einigen Kilometern geht es immer wieder bergauf und bergab. Kleine, steilere Rampen fordern mich heraus und spülen mich in der Gruppe nach hinten. Der Plan war es, im vorderen Drittel zu fahren, um dann an den Anstiegen nicht zu sehr abzufallen und abzureissen. Allerdings geht der Plan für mich leider nicht auf. Ich falle mehrmals zurück. Immer wieder muss ich mir den Anschluss an die Gruppe also wieder erkämpfen. Hab einfach noch keinen guten Rhythmus und auch keine Zeit, ihn mir dort zu erarbeiten.

Die beiden Capitanos der Gruppe sind sehr engagiert und ziehen mich, und auch einige wenige andere, immer wieder mit ran. Wieder ins vordere Drittel zu kommen ist allerdings sehr schwer und daher wiederholt sich dieses Katz und Maus Spiel einige Male. Ich merke, wie es mich beginnt zu frustrieren und irgendwann denke ich:

“Oha, wenn das so weitergeht, steige ich aus, noch bevor ich überhaupt eine reguläre Trainingsdistanz erreicht habe. Einfach nur peinlich!”

Ich mache aber munter weiter mit und kann meinem Puls dabei förmlich zusehen, wie er Rakete spielt. Erinnere mich, wie ich ihn sonst immer gut in den Griff bekomme, höre da aber auch schon wieder dezente Motorengeräusche hinter mir. Mist, schon wieder bis zum Begleitfahrzeug nach hinten gerutscht. Verdammte Scheiße!

Mein Mantra ist für diese Challenge “It´s part of the game!”. Wir fahren schließlich Rennrad und spielen kein Schach oder machen Wasserballett. Leiden gehört eben zum Radfahren dazu wie der gute Espresso an den Stopps oder mit viel Liebe ausgewählte Radsocken. Dennoch sind dann eben auch körperliche Signale, wie der Puls Anzeichen dafür, dass etwas nicht funktioniert und dringend eine Lösung her muss. Part of the game hin oder her. War eigentlich die Idee, dass die Gruppe die Anstiege immer so gut es geht gemeinsam fährt, um dann an den Kuppen nur rollen zu lassen, ist die Geschwindigkeit ab dort nicht immer nur “rollen” und dadurch zieht sich ein so großes Feld natürlich schnell wie eine Ziehharmonika auseinander. Passiert das immer wieder, fallen immer mehr Fahrer weit zurück und lassen bereits auf den ersten Kilometern einer so langen Tour Körner, die ihnen irgendwann unterwegs definitiv fehlen werden.

In meinem Kopf beginnt genau das, was passieren muss. Ich denke darüber nach, was ich hier eigentlich mache. Habe ich mich selbst überschätzt? Bin ich wirklich so schlecht? Das kann doch nicht sein. Was läuft denn hier falsch. Sollte ich vorher aufhören? Aufgeben? Das Handtuch werfen? Nein, das kann und will ich nicht machen. Dafür bin ich nicht angetreten. Und wie sieht das denn auch aus?

If you think about quitting, remember why you started!

Wenn ich aussteigen würde. Wie erkläre ich das den Anderen? Den Menschen zuhause, die ich bekloppt gemacht habe seit Monaten. Menschen, die mich supporten, die an mich glauben. Die mich und mit mir trainiert haben? Wenn ich aussteigen würde. Noch unter 200km. Lächerlich! Als erste aus dem Feld. Wie bitte soll das zu rechtfertigen sein?

Achterbahn der Gefühle. Und so anstrengend sie sind, so sehr gehören sie nahezu unvermeidlich dazu. Gerade auf den langen Distanzen hat der Kopf einfach unfassbar viel Zeit für Blödsinn. Und wird auch nicht gerade fitter und zurechnungsfähiger.

Logisch ist dann aus. Und nach müde kommt bekanntlich blöd.

Wichtig an der Stelle: Nicht zu lange diskutieren, sondern die richtigen Entscheidungen treffen. Dazu muss ich bereits vor dem Wettkampf wissen, was gut für mich ist. Und das weiß ich und kann das Ding für mich letzten Endes auch drehen.

Ich schaffe es, bis km 124 noch irgendwie mitzuhalten. Mehr schlecht als recht und hart erkämpfte 124. Mit viel Struggle im Kopf, weil es einfach nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es war nicht leicht, einzuschätzen in welcher Gruppe ich fahren will. Die Grupen 1 & 2 waren außer Konkurrenz. Das war klar. Die sind so turboschnell. Das sind wirklich Freaks. Hey, lieb gemeint. Aber mal ehrlich. Meine Gruppe 3 hatte einen 29-31er Schnitt angepeilt. Da ich in Straßenrennen mit gut 37+ unterwegs bin, war es für mich auf die lange Distanz denkbar. Bei meiner 300er letztes Jahr war es mir etwas zu langsam und das wollte ich jetzt gern für mich anders machen. Zudem hatte ich somit aus mentaler Sicht mit der Gruppe 4 ein Backup, denn man durfte einmalig eine Gruppe nach hinten wechseln ab VP2 [VP – Verpflegungspunkt].

Bei km 124 verabschiedet sich dann mein Oberschenkelmuskel und ich komme mit Krämpfen im linken Bein zum Stehen. Hebe den Arm. Halte unser Begleitfahrzeug an. Sage nur noch: “Krämpfe!”. Jemand nimmt mir mein Rad und mein Hirn ab, lädt es ein. Parkt auch mich im Bus. “Wasser? Was zu essen? Brauchst du was?” Grad alles egal.

Ich will nur, dass dieses fiese Gefühl wieder weg geht.

Habe Magnesium im Trikot. Massiere mein Bein. Trinke. Kann es wieder entspannen, während wir in Radgeschwindigkeit hinter dem Fahrerfeld hertuckern. Genau genommen hinter anderen Fahrern, die zurückgefallen waren. Zwei weitere Jungs lesen wir noch auf und sind für ein paar wenige Kilometer als Reha-Bus für Beinkrämpfe unterwegs. Neben mir sitzt ein verzweifelter Speichenbruch. So nett es im Bus aber auch ist, und dabei wirklich ein verdammt herzliches und großartiges fettes Dankeschön an die Crews, ich will wieder fahren. Auch wenn ich nicht so recht weißt wie. Aber vielleicht wars das ja jetzt und es läuft mit dieser kurzen Zwangspause wieder besser. Ich lasse mich also sobald es geht wieder auf die Straße setzen und bin wieder am Start. Die beiden Kollegen sind auch wieder dabei. Der Speichenbruch bleibt im Bus und hofft auf Laufradersatz.

…Tanja hat die Gruppe verlassen.

Ich fahre also noch mit meiner Gruppe bis zum nächsten VP kurz vor Potsdam. Auf den letzten Kilometern dorthin diskutieren Kopf und Beine was das Zeug hält. Ich melde dem Capitano: Entweder muss ich eine kurze Pause im Van unterwegs machen [find ich aber uncool!], um das Tempo halten zu können oder aber ich wechsel in die nächste Gruppe. Er sieht beides als Möglichkeit. Ich entscheide mich dann aber für die Gruppe 4.

Die beste Entscheidung, die ich übrigens auf der Tour treffen konnte. Ich schnappe mir meinen Starterbeutel, um ihn später umzuladen. Gruppe 4 rollt schon bald ein, während meine alte Gruppe sich bereits wieder auf den Weg macht. Ich schaffe es sogar in dieser Wechselzeit ein kurzes Live-Video bei Insta zu drehen. Der Support von draussen tut mir gut und ich bin erstaunt und freue mich, dass so viele Leute mitfiebern und mich auch auf diesem Weg unterstützen.

Und ich bin erleichtert. Das Leiden hat irgendwie schon allein durch diese Entscheidung ein Ende. Endlich. Nach über 200 Kilometern. Ich mag mich einfach nicht weiter kaputtfahren. Und es soll ja auch Spaß machen. Darauf ein Red Bull.

Als die Gruppe 4 eintrifft staune ich nicht schlecht, wen ich dort alles wiedertreffe. So einige meiner Mitfahrer waren wohl bereits am letzten VP zurückgewechselt, auch die Mädels. Im kurzen Gespräch erzählen sie das gleiche, was ich empfunden habe. Und dass sie nun seit der letzten Etappe deutlich entspannter unterwegs seien. Zwar ist die Gruppe 4 gar nicht so viel langsamer, fährt aber einfach, auch aufgrund der wenigeren Fahrer, ausgeglichener und auch das Begleitfahrzeug vorn fährt als eine Art “Pace-Car” und bremst zu ehrgeizige Fahrer vorne einfach ein. Und das scheint zu funktionieren. Für mich aber auch schon an meinem Wechsel VP ein Riesen-Win: Dass die Pause etwas entspannter ist. Allein schon dadurch, dass es niemanden gibt, der noch nach uns kommt.

Projektmanagement deluxe.

Die Pausenorganisation verlangt den Fahrern schon einiges ab. Du kommst an den Stopp, stellst dein Rad ab. Dann musst du dich entscheiden, was für dich gerade Prio hat. Musst du aufs Klo? Brauchst du Wasser? Kaffee? Was essen? Hast du noch alles im Trikot? Sonnencreme? Andere Cremes? Irgendwas zu kalt oder zu warm an Klamotte? Muss was versorgt werden? Ich selbst habe dann am häufigsten das Essen hinten runterfallen lassen. meine Prio war häufig neues Wasser, mal zur Toilette und Trikot vollmachen mit Nahrung. Am Stopp selbst habe ich mir selten die Zeit gegönnt. Und auch nur einmal Kaffee getrunken. Und Red Bull. Der war wirklich mein Highlight am Wechsel VP. Und andere Besucher der Tanke, die mich in ein Gespräch verwickeln wollten, als es grad ganz ungünstig war: “Sag mal, warum macht man sowas? macht das Spaß? Wie finanziert man sowas denn?”… Äh, ich muss echt weiter!

Kommen also dann, wie auch hier, auch noch “Specials” dazu, wie “Bitte nachtfein machen!”, dann hast du mit den ganzen Arm- und Beinlingen, Jacken, Schuhüberziehern usw. ne Menge zu tun.

Meine Suppe blieb dann dort leider stehen. Aber auch hier ein so fettes Dankeschön an die VP-Crew, die wirklich alle Wünsche erfüllt hat und sehr sorgsam und liebevoll mit unserer immer weiter voranschreitenden Entscheidungslegasthenie und Verplantheit umgegangen ist. Zudem wars lecker. Immer!

Irgendwann hörst du dann immer den Capitano: “Noch zehn Minuten. Noch fünf. Noch drei. Macht euch startklar!”

Alles klar, kann weitergehen. Wir fahren und fahren. In die Nacht hinein. Die letzte Etappe zuvor übrigens sind wir mit Polizeieskorte durch Potsdam. Das war schon ziemlich lässig, dass da immer die Kreuzungen von den Motorrädern gesperrt wurden für uns. Nun aber munter und mit hoffentlich genau 0 Rehen in die Meckpom-Nacht. Der einzige Beinahunfall meinerseits war eine Schrecksekunde, als ein Weg plötzlich nach oben auf den Bordstein geleitet wurde und ich beherzt einen Sprung gemacht habe. Leider ist es einem anderen Fahrer ein ganzes Stück weiter hinten weniger gut ergangen und er ist dort gestürzt, konnte aber angeschlagen weiterfahren.

Hilfe, da sind lauter Fremde im Van!

Es wird ein wenig ruhiger Im Feld. Der Himmel ist klar. Es ist wunderschön. Alleen. Landschaft. Wälder. Stille. Nur das Surren der Räder auf dem Asphalt. Hier und da unterhalten sich Leute. Ich treffe auch viele wirklich tolle und nette Menschen unterwegs und quatsche mit ihnen über Rad und die Welt. Manchmal ist aber auch Schweigen und der Fokus auf jeden Meter eine gute und motivierende Sache. Ich halte endlich auch seit geraumer Zeit vorne mit. Es rollt und läuft. Bis ich irgendwann mitten in der Nacht, so gegen 2h einen verdammt toten Punkt habe. Den kenne ich. Den fürchte ich. Und mal gewinn ich. Mal gewinnt er. Ein ziemlich ausgeglichenes Spiel mit ungewissem Ausgang. Und diesmal gewinnt er. Was mich noch lange beschäftigen wird. Was ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß.

Ich bemerke wie ich die Spur nicht mehr halte, unkonzentriert werde. Versuche es mit Nahrung aufzufangen. Keine Chance.

Irgendwann fallen mir die Augen zu. Ich kann nicht mehr.

Fühle mich unsicher in diesem Feld gerade, wo wir eng beieinander so gut es eben geht Windschatten fahren. Und eben gerade, weil ich nicht mehr GERADE fahren kann. Als wir für eine Pinkelpause zum Stehen kommen und ich nicht pinkeln, aber warten muss, fallen mir die Augen erneut zu. Ich treffe eine Entscheidung und rolle zum Begleitfahrzeug: “Kann ich bitte bei euch grad mal nen 20min Powernap machen und dann schmeißt ihr mich bitte direkt wieder raus?”

Ja klar, das geht. Er nimmt mir das Rad ab und sagt, ich solle hinten zum Bus gehen. Ob da denn noch Platz sei? Ich soll mal nachsehen. Häh? Wie? Noch Platz? Ich versteh die Frage nicht.

Als ich die Tür zum Van öffne, weiß ich warum. Drin sitzen bereits neben der Crew noch drei weitere Jungs, die mich irritiert anblinzeln. Mein Hirn ist leer und ich begreife in dem Moment irgendwie überhaupt nicht, warum da überhaupt Menschen drinsitzen. Und nichts sagen. Und so fertig aussehen. Also wie Radfahrer sehen die grad nicht aus. Sind das Mitfahrer? Zuschauer? Denen mittlerweile langweilig ist? Hey, die nehmen uns ja jetzt auch Platz weg!? Sagt ja auch niemand was.

Das Hirn soll ja auch ein wenig seltsam werden bei solchen Langdistanzen. Ich bekomme eine Ahnung davon, da ich wirklich überhaupt keinen Plan habe, wie diese Menschen da hingekommen sind. Und warum.

Hm.. also wie machen wirs denn jetzt? Rutscht du durch? Oder soll ich… Am Ende sitze ich in der Mitte zwischen den beiden Jungs auf der Rückbank. Mir fällt noch die Flasche aus der Hand. Dabei habe ich doch solchen Durst! Es ist dunkel. Kein Lichtschalter hinten zu finden. Meine Flasche rollt auf die Ladefläche. Mein Nachbar rechts bietet mir sein Wasser an. Mensch, Danke! Vielleicht doch ein Radfahrer? Links neben mir passiert nicht mehr viel. Von vorn bekomme ich gar nichts mit.

Ich leere mein Trikot, da ich sonst nicht ordentlich sitzen kann, und powernappe wie geplant. Das hab ich geübt und kann, wenns gut läuft, wirklich auf den Punkt genau 20 Minuten pennen und ohne Wecker dann wieder Vollgas geben. Würd ich jetzt hier auch gern machen, jedoch kann mich die Crew aufgrund der Nacht nicht direkt wieder rauswerfen. Also hänge ich ein paar km länger hier fest als geplant. Immerhin hält mir mein einzig lebendiger Nachbar irgendwann plötzlich meine Trinkflasche vor die Nase. Mega! Wieder nach vorn gerollt. Ich fühl mich ein bisschen wie auf dem Niveau eines Kleinkinds grad. Das gute ist: man freut sich eben auch einfach über alles.

Back on track.

Endlich darf ich wieder auf die Straße. Mein Trinknachbar sagt sowas wie: “Na, dann fahren wir jetzt wieder mit, oder?” Na sicher! Ja und krass, du fährst hier auch mit! Mann bin ich vercheckt.. Ja, die 148 auch raus bitte. Vollgas jetzt! Alter, ist das kalt. 9 Grad. Brrr… aber Verpflegung brauch ich grad nicht. Ach so, aber ja…den Helm. Das wäre gar nicht so blöd mit dem weiterzufahren.

Es ist also wirklich frisch, als ich wieder mitfahren darf. Aber das Wissen, endlich wieder treten zu dürfen und in den Sonnenaufgang zu fahren motiviert mich enorm. Zudem kommen wir dem Ziel näher. Hatten ja längst die Hälfte geschafft. Und die war für mich maßgeblich. Da ich bislang 300km gefahren war, war für mich alles darüber, also ab dem 301. km ein Win und ein Erfolg. Bis dahin Pflicht. Danach Kür. Also ein so gutes Gefühl.

Zweifel.

Ich hing später noch lang an der Situation, dass ich einen Powernap gemacht habe. Hätte ich auch anders entscheiden können, habe ich mich gefragt. Aber es in diesem Moment einfach so entschieden und als vernünftig eingeschätzt. Vielleicht liegt die Wahrheit da irgendwo in der Mitte. Und ich tendiere dazu, weil ich eben mein bestes geben will, mich am Ende darauf zu konzentrieren, was nicht gut war. Was für weiteres Wachstum und neue Projekte natürlich auch gut ist, jedoch erstmal nicht zielführend, wenn man es dennoch schafft zumindest fast 600km mit dem Renner abzureissen. Es braucht dann bei mir immer ein bisschen, um den Erfolg auch wirklich zu genießen und einen Haken an diese eine kleine Schwäche zu machen. Im Grunde war ich sogar einfach gut vorbereitet, denn der Powernap war die Lösung und ich hatte ihn optional für den Overnight-Stop eingeplant, der länger sein sollte als die anderen. Organisatorisch hat es aber nicht geklappt und so blieb er eben aus und hat später seinen Auftritt verlangt.

You choose – just that simple.

Mit ein paar Tagen Abstand kann ich jetzt sagen: Ich hab die Entscheidung getroffen und gut ist. Es war vernünftig. Ob ich hätte anders entscheiden können ist müßig. Ich war im Prinzip sogar gut vorbereitet, wusste um diese mögliche Schwäche. Und last but not least, und damit ein dickes Dankeschön an meinen Coach Torsten Weber [PMP-Coaching], der mir den Kopf nach der Tour nochmal gerade gerückt hat, indem er meinte es gehöre fast noch mehr Willenskraft dazu, mitten in der kalten Nacht nach einem kleinen Tief wieder völlig selbstverständlich aufs Rad zu steigen und noch weitere hunderte Kilometer weiterzufahren. Die meisten scheitern daran, dass es dann selbst in der kurzen Zeit schon viel zu bequem geworden ist und weiterfahren keine wirkliche Option mehr. Also: Haken dran und als Lessons Learned mitnehmen!

Bis zum VP bei km 538 sind wir gut unterwegs. Die Fahrt in den Morgen ist einfach zu schön und tatsächlich kann ich diese Momente auch sehr genießen. Aber die Gruppe 4 wurde ja auch als “Genussfahrer” angekündigt. Darüber mussten wir doch zeitweise sehr schmunzeln. Denn bei der Distanz verschieben sich da offenbar doch ein wenig die Grenzen und die Vorstellung von Genuss liegt bei den meisten Menschen vermutlich bei anderen Strecken.

Bananen x Essiggurken

Der letzte VP vor dem Ziel ist dann genau so wie eingangs beschrieben. Es sei hier nur noch einmal mein kulinarisches Highlight erwähnt: Banane mit Essiggurke. Ich denke, wenn ich hier schreibe, dass das lecker war, dann ist damit alles zu meinem Allgemeinzustand gesagt. Over & Out. Für den Rest müsst ihr einfach nochmal nach oben scrollen.

Nun ist es ja auf Langstrecken so, dass man, sobald man dann reguläre Trainingsdistanzen [bei mir sind es im Schnitt rund 100km] unterschreitet, fast das Gefühl hat, nur noch einmal um den Block zu fahren. Also mental ist das auch so. Körperlich hat man aber auch schon rund 500km in den Beinen. Also geht die Rechnung nicht ganz auf. Dennoch macht es Laune und ist für mich nochmal ein Motivationsbooster. Trotzdem zieht sich der Endspurt wie Kaugummi. Du rollst und rollst und rollst. Es wird im Grunde nicht mal mehr nennenswert anstrengend [Danke auch an dieser Stelle mal an die stoischen Superhelden, die überwiegend vorne im Wind gefahren sind!]. Aber du hast das Gefühl du kommst einfach nie an.

Irgendwann erreichen wir die Fähre. Einen kurzen Moment haben wir gedacht: “Jetzt stell dir vor, wir müssen auf die warten. Dann hätten wir unverhofft Pause!” Ja Hurra. Die Fähre stand natürlich schon parat. Wie auf uns gewartet. Ich lehne mein Rad an. Verliere gänzlich die Übersicht auf dem Kahn. Über mir spricht es plötzlich. Eine Frau fragt, seit wann wir denn unterwegs seien. Äh..wieviel Uhr ist denn? Also, seit gestern morgen. Aha!

Einer meiner Mitfahrer organisiert Wasser. Ich versuche noch grad ein Bild in die Instastory zu hauen, aber sehe schon dass die ersten wieder aufs Rad steigen. Was ist denn das für ne komische Fähre bitte? Zack, sind wir tatsächlich schon drüben. Mein Nebenmann telefoniert auch noch hektisch zu Ende. Zu nix kommt man hier. Aber hey, nur noch rund 23 Kilometer. Der Wahnsinn.

Wir fahren also auf Rügen die letzten Kilometer. Zwischen wunderschönen Feldern, dem Meer entgegen. Ich rieche Meeresluft. Unser Capitano organisiert die Zieleinfahrt. Es soll Chaos verhindert werden und eine gemeinsame Ankunft soll unser Ziel sein. Er entscheidet uns Mädels vorn fahren zu lassen. Als Pacemaker sozusagen. Damit sich alle anderen hinter uns einordnen können. Also fahren wir drei nebeneinander voran. Bremsen uns nochmal etwas ein, weil es zum einen euphorisch im Endspurt wird, unsere letzten Meter aber sowas von mit fiesem Kopfsteinpflaster geebnet sind. Leider gar nicht geil. Wer schonmal mehrere Stunden mit einer verschwitzten Radhose im Sattel gesessen hat, weiß wovon ich rede.

Po? Welcher Po?

Ich bretter also halbherzig im Sattel sitzend die Promenade entlang. Dann endlich Asphalt rauf zum Kap. Noch eine letzte Steigung. Wir fahren ein. Für mich völlig unerwartet werden wir von zahlreichen Zuschauen erwartet und gefeiert. Und von den Fahrern, die bereits vor uns ankamen. Ein großartiges Gefühl, dass mir auch am besten im Gedächtnis geblieben und auf der Rückreise nach Hause immer wieder eingefallen ist. Genauso wie bei der 300er war ich am Ende dann doch noch erstaunlich fit. Wahnsinn, welche Reserven man dann auf den letzten Metern noch hat.

Einfach nur ankommen wollen. Und das dann auch machen.

Finish – ja und jetzt?

Da sind wir also. ich steige vom Rad. Wir beglückwünschen uns gegenseitig zu dem Wahnsinnsritt und so richtig weiß ich grad gar nicht, was man eigentlich so macht, wenn man nicht Rad fährt. Muss ich wo hin? Wo sind meine Sachen? Trinken? Gibts hier Weizen? Nen WC vielleicht? Ach so, Finisher-Photo. Nee, ich nehm n Weizen alkoholfrei. Ich bin sicher ich falle sonst direkt um. Nein, ja, ich bin mir ganz sicher. Wo ist denn unser Camp jetzt eigentlich.

Wir trinken was. Die Gruppe teilt sich in kleine Lager. Die Weiterfahrt wird organisiert. Bis zum Camp sind es nochmal rund 10 Kilometer und wir müssen dorthin, weil dort alle unsere Sachen sind. Clever.

Eine ältere Dame an unserem Tisch bekommt unsere Gespräche mit und fragt wie weit es denn zum Campingplatz sei. Offenbar hört es sich für sie aus unserer Unterhaltung so an wie eine Weltreise. Ich sage rund 10km und sie belächelt meine Aussage ungläubig. Dann schieb sie aber doch noch hinterher: Und wie lang waren Sie jetzt schon unterwegs? 600 Kilometer. Aha!

Also ihren Segen hatten wir. Und einige andere während der Fahrt sowieso.

Langdistanzfahrer feiern leise.

Wir machen uns als Kleingruppe auf den Weg ins Camp. Diesmal fahre ich nahezu nur noch im Stehen und bin mehr als froh, als ich mein Rad auf dem Campingplatz direkt in gute Hände für den Rücktransport zum Fichtelberg morgen geben darf. Auch wenn es einen guten, wenn nicht sogar einen Top-Job, gemacht hat. Unsere Wege müssen sich gerade mal kurzzeitig trennen. Und ich duschen, essen, trinken und schlafen. Mein persönlicher Mottoabend: “Grundbedürfnisse reloaded”.

Mein Fazit

Viele haben mich am Tag der Zieleinfahrt gefragt, ob ich es nochmal machen würde. Ich habe mit einem ziemlich deutlichen Nein geantwortet. Ich denke nicht. Nach einer Nacht Schlaf sah die Welt aber auch schon wieder ganz anders aus und ich kann es mir nochmal vorstellen denke ich. Zumal ich dann mit einigen Situationen anders umgehen würde, da ich auch mich nochmal ein wenig besser kennengelernt habe.

Im Nachhinein bin ich sehr zufrieden mit meiner Selbsteinschätzung, da ich alle drei Turningpoints als mögliche Herausforderung im Vorfeld gesehen und für alle eine Lösung hatte. Das war zum einen eine zu schnelle Gruppe am Berg und die Lösung des Wechsels in Gruppe 4. Zum anderen waren es mögliche Krämpfe in meinem operierten Bein – die Lösung dafür Massage, Magnesium, Tape und Salz. Ich hatte nach der Versorgung keinen einzigen Krampf mehr. Nichtmal im Nachgang, was mir sonst schon viel häufiger nach Events passiert ist. Punkt 3 ist der tote Punkt in der Nacht zwischen 2 und 3 und die Lösung war der Powernap, der sonst sicher auch an einem VP machbar wäre, wenn die Pause dort ausnahmsweise für die Nacht eben länger dauert. Also alles in allem richtig gemacht und gut vorbereitet gewesen. Und vor allem: Immer in den richtigen Momenten die richtige Entscheidung getroffen.

Last but not least bin ich zugegebenermaßen recht stolz auf meine Leistung, insbesondere mit Blick auf die rasante Entwicklung. Beharrlichkeit und Disziplin zahlt sich aus. Mein Faible für das Sportmentalcoaching macht das ganze, gerade auf den Langdistanzen, nochmal runder und interessanter.

Ich erinnere mich noch, wie ich vor zwei Jahren meine ersten 100km am Stück gefahren bin und davor ziemlich nervös war aufgrund der Distanz. Aber es hat geklappt. Da war ich gerade mal ein halbes Jahr mit dem Rennrad unterwegs. Zuvor besaß ich nichtmal eines. Im letzten Jahr habe ich mich dann für die 300er Ruhr2NorthSea Challenge angemeldet. Mir hatte jemand davon erzählt und ich hatte damals als erstes gesagt: Das geht doch niemals! “Klar, das packst du!” Und ich habe es gepackt. Sogar relativ “entspannt” trotz widriger Wetterverhältnisse. Im Zuge dessen meinte ein Freund: Dann wär doch die Fichkona was für dich? 600km… “Nein, niemals! Wie soll das denn gehen? Quatsch!”

Aber hey, na gut..also wenn ich die 300 packe, dann fahr ich die 600, habe ich damals gesagt. Im Ziel der 300 sagte dann jemand aus meiner Gruppe: “Tanja, und jetzt stell dir vor müsstest du die Strecke ja nochmal fahren!”

Trotz allem Respekt bin ich das Projekt angegangen und habe trainiert. Gemeinsam mit Torsten Weber, der mich als Ultracyclist optimal für so eine Challenge vorbereitet und beraten hat. Am Ende muss ich sagen, hatte ich zwar wirklich großen Respekt und keine Ahnung, ob es am Ende tatsächlich funktionieren würde.

Aber ich hatte ein Ziel. Ich wollte gesund finishen.

Und ganz tief in mir drin war vermutlich auch das Gefühl: “Und das wirst du auch schaffen! Mit allem Struggle, den du unterwegs haben wirst. Aber du schaffst es!”

Jetzt sollen sich Beharrlichkeit, Disziplin und Fokus der letzten Monate auszahlen.

Ein Jahr nach der 300er stehe ich also wieder an einer See und halte mein Rad in die Höhe. Diesmal ist es nicht die Nord- sondern die Ostsee. Diesmal nicht Lapierre, sondern Benotti. Und diesmal sind es nicht 300 sondern 600 Kilometer.

Ich bin beeindruckt davon, was Körper und Kopf in der Lage sind zu leisten. Bin an und über meine Grenzen gegangen. Habe immer gute Lösungen gefunden und mein Ziel nicht aus den Augen verloren.

Danke Kopf & Beine. Das ist nicht selbstverständlich. Und Danke an alle, die mich dabei unterstützt haben, egal auf welche Art und Weise. Ob als Trainingsbuddy, Trainer, Partner, Gruppe 3 & 4, Onlinesupporter, Spendenaktionsunterstützer, ob nah oder fern.

Und Danke auch an Olaf Schau und die gesamte Crew, dass ihr den Rahmen gebt für so ein tolles Event, wo wir Verrückten genau diese Möglichkeit haben, solche Erfahrungen machen zu dürfen. Bis zum nächsten Mal.

Best, Tanja

Ich möchte euch gern einladen, mich zu motivieren und zu supporten, indem ihr mich – und damit den Verein „wirfueryannic.ev“ – pro gefahrenen Kilometer bei der Fichkona Challenge unterstützt. Da ich mit meinen Projekten das Privileg habe, eine Öffentlichkeit und damit auch so einige coole & engagierte Menschen zu erreichen, möchte ich nicht einfach nur für mich fahren, sondern mein nächstes Event nutzen, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen: Depression im Sport.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema auch und gerade im Sport sichtbar zu machen. Die sehr persönliche Geschichte dahinter findet ihr auf der Vereinswebseite. Über einen meiner Lieblingsblogs, Pushing Limits, habe ich von dem Verein erfahren und habe mir gleich Gedanken gemacht, wie auch ich das Thema unterstützen könnte.

Warum für das Thema Depression?

Weil hier ganz klar auch das Thema Mentaltraining an seine Grenzen stößt und es wichtig ist, diese zu erkennen und Menschen anderweitig zu unterstützen. Das Thema ernst zu nehmen und nicht zu tabuisieren. Um nicht zu spät zu reagieren, ist Aufklärung wichtig. Gerade Sportler sind oftmals nur als starke, meist erfolgreiche und ehrgeizige Persönlichkeiten sichtbar. Und Social Media sei Dank wird uns das auch mittlerweile in all seinen Facetten immer wieder oberflächlich präsentiert. Die unperfekten Menschen und Herausforderungen dahinter werden oft nicht gesehen. Ernstzunehmende Krankheiten nicht erkannt oder tabuisiert.

Am 22.6. werde ich also die Fichkona Challenge fahren. 600 Kilometer nonstop mit dem Rennrad. Vom Fichtelberg bis ans Meer, nach Rügen zum Kap Arkona. Das ist mein Plan. Dafür trainiere ich und darüber berichte ich regelmäßig auf meinen Kanälen. Ich freue mich auf diese Herausforderung und bin mir der Größe dieser Challenge sehr bewusst. Bislang bin ich 300km erfolgreich gefahren und diese Distanz wird eine neue Erfahrung für mich werden.

Ob ich es schaffe? Das weiß ich nicht. Aber ich trete an, um am nächsten Morgen ins Ziel zu fahren.

Diese Spendenaktion soll dazu beitragen, dass das Thema sichtbar wird und der Verein weitere Events und Beratungs- / Präventionsangebote an den Start bringen kann. Aktuell gilt es, einen Aktionstag auf die Beine zu stellen, wo Trainer und Funktionäre geschult werden.

Was ihr dafür tun müsst?

Vor dem Event:

Schreibt einfach in das Spenden-Event bei betterplace euer Commitment für jeden gefahrenen Kilometer. (Zb.: „Ich spende 0.05 € pro gefahrenen Kilometer! oder “Wenn du mind. 300km fährst, dann spende ich – soundsoviel Euro!“) Selbstverständlich könnt ihr auch bereits vorher einen Betrag spenden, wenn ihr von der Sache und von mir und der Aktion überzeugt seid. Motiviert mich selbstverständlich auch!

Nach dem Event:

Nachdem ich dann am Ende 600 +- x Kilometer gefahren bin, spendet ihr eure daraus resultierende Summe über einen Link, den ich noch bekanntgeben werde. Selbstverständlich erhaltet ihr dazu später auch eine entsprechende Spendenquittung.

Sobald das Event gelaufen und alle Spenden überwiesen worden sind, wird der gesamte Betrag an den Verein „wirfueryannic.ev“ übergeben und ihr werdet über darüber informiert.

Während des Events:

Feuert mich an und motiviert mich. Ich freu mich über jeden Support und über jeden Kilometer, der Spenden einfährt. Und das gute Gefühl, mit jedem Kilometer meinem persönlichen Ziel ein Stück näher zu sein. Ich versuche euch dabei unterwegs so gut es geht auf dem laufenden zu halten, damit ihr wisst, ob ihr einen Kredit aufnehmen müsst oder ein einfacher Gang zum Pfandflaschenautomaten schon ausreicht für eure Spende 😉 .

Für Fragen mailt mir gern und wenn ihr von der Sache überzeugt seid und andere Supporter kennt: SPREAD THE WORD und teilt dieses Event gern auf euren Kanälen.

Lasst uns diese verrückte Welt doch mit ebenso verrückten Aktionen ein Stück weit besser machen und gemeinsam etwas bewegen.

Ich danke euch ღ
Best, Tanja

#letsbeatdepression

Hell Yeah! Ich habe einen Startplatz für den Fichkona 2019 bekommen:

„Lieber Fichkona-Teilnehmer, morgen ist Nikolaustag und wir legen in Deine geputzten Radschuhe einen Startplatz bei der 22. Fichkona vom 22.06.-24.06.2019! Wir hatten 336 Bewerbungen für die 180 Startplätze und Du bist bei den Glücklichen mit einem vorab garantierten Startplatz!“

Ich flipp aus. Mein Traum 2019 wird wahr. 600km in 24 Stunden. Challenge accepted! Wohoooooooooo!
Kurz aber wie es dazu kam: Ich bin in diesem Jahr die 300km von Duisburg zur Nordsee bei den RuhrChallenges mitgefahren. Erfolgreich. Und vorher hatte mich jemand gefragt, ob ich nicht auch Lust auf den Fichkona hätte? Fichwas!? Unvorstellbar noch zu dem Zeitpunkt. Also habe ich mir ein “Also, wenn ich die 300 packe, dann denk ich ernsthaft drüber nach, okay?” entlocken lassen. Tja, und was soll ich sagen? Ich hab endlos Bock und ein Tränchen verdrückt vor Freude, als der Startplatz einflog.

Bald mehr dazu! Jetzt will ich mich erst mal ein bisschen freuen. Und dann trainieren. Wird ernst jetzt…
keep u posted!

Am vergangenen Sonntag bin ich das zweite Mal bei den Cyclassics in Hamburg mitgefahren. Eines der größten Jedermannrennen mit rund 18.000 Teilnehmern auf drei Distanzen. Ich bin auch dieses Jahr nochmal den “short course” mit knapp 60 Kilometern gefahren. Zunächst hatte ich die 100er angemeldet, aber dann hat mich irgendwie doch der Ehrgeiz gepackt, meine Zeit aus dem letzten Jahr zu knacken. Letztes Jahr war das genau mein zweites Rennen überhaupt, denn ich war ja erst im Mai 2017 aus einer Laune heraus mit diesem verrückten Sport gestartet. Aber das ist eine andere Geschichte und gehört nicht hier her.

Ich möchte gern an dieser Stelle schreiben, was ich aus, vor allem auch aus sportmentaler Sicht, einfach richtig gemacht habe, um mein Ziel in diesem Rennen sogar noch um einiges zu übertreffen.

Ich nehme nämlich nicht nur ein verdammt gutes Gefühl mit nach Hause, sondern auch einige lessons learned, die ich gern an dieser Stelle mit euch teilen möchte.


Von Nix kommt Nix.

Das einfachste zuerst: ich habe natürlich trainiert. Logisch. Also finde ich. Was wir als Sportmentaltrainer allerdings vom Training fordern, unterscheidet sich möglicherweise vom herkömmlichen Training. Denn: Ich habe möglichst wettkampfnah trainiert, wo immer es mir möglich war. Zum Beispiel in meinem Wettkampfoutfit. Auch, wenn das für manch andere dann vielleicht etwas overdressed aussieht, so auf nem Wattbike im Gym: Es ist egal, denn es ist wichtig! Darüber hinaus habe ich eine ähnliche Dauer wie die des Wettkampfes trainiert. Die Startzeiten mit berücksichtigt und meine Ernährung angepasst. On Top habe ich nun auch einen Trainingsplan, nach dem ich trainiere und der mich natürlich aus Sicht der Trainingslehre voranbringt.

Von Nix kommt doch was: Der Leistungszuwachs entsteht in den Pausen.

Ist für uns Sportler oftmals eine oder die größte Herausforderung, aber so unfassbar wichtig. Da wir wissen, dass der Leistungszuwachs in den Ruhephasen entsteht, benötigen wir von diesen natürlich auch entsprechend ausreichend viele. Sonst trainieren wir in den Keller. Stichwort “Superkompensation”. Dazu an anderer Stelle ausführlicher mehr. Ich habe also mein Trainingsvolumen darauf abgestimmt, dass ich nicht non-stop auf dem Rad sitze oder Stabi-Training mache, sondern eben auch mal: NIX. Und dieses “Nix” auch mit aktiver Erholung fülle.

Mentales Warm Up im Startblock – Geschenkt!

Menschen sind unterschiedlich. Athleten auch. Und jeder braucht etwas anderes, um sich zu motivieren. Nicht jeder weiß, was ihm gut tut und so werden die Situationen, die dafür sinnvoll wären, oftmals nicht gut genutzt.

Tanja Ney Cyclassics SportmentaltrainingDie Pre-Start-Phase gibt es halt, da machste nix, da stehste halt rum und wartest. Vielleicht isst du noch grad ne Banane. Dehnst unmotiviert ein bisschen hier und da, sieht ja auch immer so doof aus, wenn alle anderen gucken und nur quatschen..ist ja schließlich kein Profirennen, wir fahren hier son bisschen durch Hamburg… Oder wie?

Ich sag dir was: Diese Phasen sind ein Geschenk! Denn du hast nochmal die einmalige Gelegenheit in dich hineinzuhören, was du gerade wirklich brauchst. Im Idealfall weißt du das natürlich bereits und hast es im Training genau so gemacht. Wettkampfnahes Training eben. Ich für meinen Teil weiß was ich nicht brauche: Gequatsche. Ich bin eher so “der Fokus-Typ”, wie meine Freunde immer so schön sagen. Ich werde ruhiger, konzentriere mich. Esse in der Tat nochmal eine Banane (Stichwort: Rituale) und höre Musik, während die meisten um mich herum quatschen was das Zeug hält. Über die Strecke, das letzte Jahr, die Unfälle, das Wetter, die Motivation, das Feld, die Aufstellung, das Hotel,  die Organisation…dies das… Mich interessiert es nicht und das kann bisweilen recht egozentrisch wirken. Vor allen Dingen, wenn sich andere Solofahrer neben dir positioniert haben, die vielleicht doch gern noch ein bisschen Ablenkung bräuchten.

Weil eben jeder andere Bedürfnisse hat, um anschließend die beste Leistung abrufen zu können.

Daher ist es für mich wichtig, mich zu fokussieren und mich mit ausgewählter Musik noch bis etwa 7-10 Minuten vor dem Startschuss zu aktivieren. Headphones rein – Welt raus. Danach geh ich aufs Rad und warte nur noch darauf, dass sich das Feld vor mir in Bewegung setzt. Und wenn es eine Sache gäbe, die ich nicht verändern würde bei so einem Wettkampf, dann ist es tatsächlich diese Pre-Start-Phase, in der ich keinen anderen Auftrag habe, als mich um mich selbst zu kümmern. Egal was andere denken.

Dazu eine kleine Anekdote am Rande: Eine Kollegin von mir hatte mal geäußert, sie würde sich am liebsten vor dem Reitwettkampf ganz allein in einen der Hänger zurückziehen, um von niemandem mehr angequatscht zu werden. Ihr Gedanke dazu: “Aber wie sieht das dann aus!?” … Merkste selbst, ne?

Es ist wirklich völlig egal was die anderen denken. Es sei denn, der Wettkampf ist dir nicht wichtig.


Treffen sich deine Körperwahrnehmung, dein Flow und deine Uhr.

Sagt die Körperwahrnehmung: hey, das fühlt sich alles verdammt gut an und ich bin nichtmal aus der Puste gerade. Sagt der Flow, klasse, dann komm ich jetzt auch noch mit. Meint die Uhr beleidigt: Und, braucht ihr mich denn dazu nicht? Ihr müsst doch sehen, wie schnell ihr gerade seid? Ähm, nein! Natürlich ist es eine Frage des Trainings und ich würde keinem Ausdauersportler raten von heute auf morgen auf die Uhr zu verzichten. Gerade in diesen Disziplinen geht es eben nicht darum Tore zu schießen oder ähnliches, sondern eine Leistung in einer bestimmten Zeit abzurufen. Daher ist die Uhr ein wichtiges Instrument für uns Radfahrer oder Läufer. Dennoch kann ich trainieren, mein Körpergefühl besser wahrzunehmen, sensibler zu sein und besser einschätzen zu können ob ich gerade tatsächlich meine Pace fahre oder laufe.

In diesem Rennen habe ich die Uhr am Lenker gehabt (Ich nutze eine Garmin Uhr, die sich dort auch als Tacho verwenden lässt) und somit auch nicht meine Herzfrequenz gemessen. Ich trage keinen Brustgurt. Lediglich die gefahrenen KM habe ich immer mal gecheckt und auch die Geschwindigkeiten. Ersteres vor allen Dingen deshalb, weil ich wusste bei KM 40 kommen zwei längere Anstiege und ich wollte rechtzeitig vorher einen Gelbeutel nehmen. Ich habe mich soweit fokussieren und sensibilisieren können, dass ich während des Rennens irgendwann sogar dachte: “Genau so könnt ich ewig fahren. Top Atmung, top Bewegung, super Herzfrequenz. Rein vom Gefühl her.” Und so war es dann auch und das bei nicht weniger als knapp 40 km/h. Das hat mich erstaunt und gleichermaßen erfreut. Über die Verwendung der Uhr in Sachen Zeit habe ich an anderer Stelle auch schonmal geschrieben. Daher wiederhole ich es nicht nochmal hier, ihr könnt den Artikel aber hier finden.

Einfach nur das abrufen was da ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn ich also im Training vorher alles soweit richtig gemacht habe, dann habe ich im Wettkampf keinen anderen Auftrag mehr, als genau das abzurufen, was ich Wochen oder Monate vorher trainiert habe.

Ich möchte eine neuralgische Stelle herausgreifen aus dem Rennen, da ich selbst überrascht war von meiner eigenen Entwicklung. Und das im Prinzip auch nur, weil ich einfach WUSSTE, dass ich es kann.

Es gab also diese beiden Anstiege bei KM40. Die Berge sind nicht allzu steil, wir reden hier ja immernoch von Hamburg, aber sie haben eine Steigung von ca. 7% und ziehen sich in die Länge. Zudem kommen sie kurz hintereinander und eben auch erst dann, wenn man schon 40 schnelle Kilometer in den Beinen hat. Nun kommt hinzu, dass ich nicht so der Bergfloh bin. Leider nein, leider gar nicht. Aber natürlich gehören Berge dazu und ich fahre diese selbstverständlich auch im Training. Nun wusste ich, dass ich exakt diese Etappe im Prinzip erst die letzten Tage trainiert hatte. Aus den Ergebnislisten vom letzten Jahr wusste ich auch, dass ich knapp 5 Minuten gebraucht hatte für diese Etappe. Auf dem Wattbike erst ein paar Tage zuvor hatte ich ein 2 Stunden Training absolviert, in das ich mehrere Male ein Bergtraining mit voller Kraft auf sechs Minuten Länge einbauen sollte.

Ich habe geflucht. Ich habe getreten. Aber ich habs gemacht. Und es auch ein wenig gehasst. Zumindest in den sechs Minuten Phasen. Nach den zwei Stunden war ich stolz auf mich, dass ichs durchgezogen hatte.

Und was soll ich sagen: Genau dieses Training, wo ich wirklich die Zähne zusammenbeißen musste, hat mich die Berge ungleich viel entspannter und in einem für mich gesundem Tempo hochfahren lassen. Weil ich mir schon unten dachte: “Das hier werden maximal fünf Minuten. Im Training habe ich drei mal sechs Minuten geschafft. Dann pack ich das hier locker!” Und so war es dann auch. Allein also das Wissen darum, dass ich das schonmal gewuppt hatte. Sogar mit noch deutlich mehr Anstrengung. Das hat mich so zuversichtlich gestimmt und so selbstbewusst fahren lassen, dass sich sogar ein mir fremder andere Fahrer oben bedankte, “weil ich ihn so schön schnell den Berg hochgezogen habe”.

Und sonst?

Last but not least habe ich in meinem nun fünften Rennen auch andere Dinge verändert und meine persönlichen lessons learned berücksichtigt. Da will ich hier gerade gar nicht so sehr in die Tiefe gehen, da sie nicht unbedingt sportmentaltechnisch im Fokus betrachtet werden müssen. Ich würde einige dennoch in Kürze hier benennen, da auch ich immer spannend finde zu hören oder zu sehen, wie andere Sportler ihren Umgang mit Wettkampftagen pflegen.

Was für mich also noch relevant war.

  • Ich halte es ganz gern so, dass ich am Abend vor dem Wettkampf lieber früh als spät im Hotel bin und auch früh im Bett. Ich gehe nicht mehr groß raus und schon gar nicht irgendwo was trinken, verzichte auch gern auf Menschen. Klingt komisch, ist aber für mich persönlich ein echter Win – und hat nichts mit den Menschen zu tun. Lieber bin ich dann nach dem Wettkampf unter Menschen, wenn mein Fokus nicht mehr auf dem Rennen liegt.
  • Ich habe mir angewöhnt die vorletzte Nacht und die Schlafqualität in ebensolcher höher zu bewerten, als die in der Wettkampfnacht. Erfahrungsgemäß ist diese ohnehin eine Herausforderung für die meisten Athleten und oftmals auch viel zu kurz.
  • Ich mache beim Frühstück keine Experimente und nehme mir da auch nochmal die Ruhe, die ich brauche. Hier habe ich zum Beispiel nochmal mit der Headspace-App meditiert, die ich sonst aber auch regelmäßig für meine Morgenroutine nutze.
  • Ich lege mir meine Sachen schon am Vorabend zurecht und muss im Prinzip nur noch in die Klamotten springen und zwei drei Sachen ins Trikot stecken.
  • Ich melde mich im Vorfeld mit einer realistischen Selbsteinschätzung für den für mich sinnvollsten Startblock an. In diesem Fall war es C (statt, wie letztes Jahr G), was mich durch das Fahrerfeld um mich herum deutlich entspannt hat.
  • Ich fahre entspannt aber frühzeitig zum Start, um mich so zu positionieren, dass ich mich wohlfühle und gut wegkomme wenn es losgeht. Durch den Zeitgewinn kann ich mich außerdem auch meinem mentalen Warmup widmen.

Du Amateur!

Tanja Ney Cyclassics Sportmentaltraining
Credits: NDR

Jetzt könnte man, zu Recht, sagen: “Ey, bitte…du bist doch Amateur. Das ist ein Jedermannrennen. Was machste dir da so viele Gedanken? Klar kannste da am Vorabend noch mit den Kumpels was trinken gehen. Und nen Trainingsplan in dem Sinne, ach den brauchst doch für sowas auch nicht. Da meldste dich an. Und dann fährste halt mal. Und wenns gut läuft ist gut. Und wenn nicht, dann eben nicht. Ist ja nur n Hobby und nicht dein Beruf. Geld verdienste damit auch nicht. Die Tour de France wirste auch und eh ja niemals nie mehr gewinnen.

Jepp. Stimmt in Teilen. Allerdings ist es sicherlich so, dass bei 18.000 Startern die Herangehensweise und die Zielsetzung sehr unterschiedlich ausfällt. Und somit eben auch das Ergebnis. Völlig okay, dass für manche – und vielleicht auch viele – der olympische Gedanke zählt.

Ich für meinen Teil habe in diesem Sport etwas gefunden, wo ich mich mit mir selbst messen kann und habe den Ehrgeiz, dafür das bestmögliche im Vorfeld zu tun. Weil es mir Spaß macht.

Ich fokussiere mich nicht zu sehr auf das Ergebnis. Ich schaue mir an, was realistisch sein könnte, trainiere genau dafür, nehme all diese Erfahrungen mit in den Wettkampf und versuche dann mit dem was ich bis dahin “gelernt” habe mein bestes zu geben. Dabei schaffe ich es, mich selbst in den Flow zu bringen, um am Ende unfassbar glücklich und zufrieden ins Ziel zu rollen. Das gute daran: Wenn der Prozess bis dahin gut funktioniert hat , dann zahlen sich all die Mühen im Vorfeld aus und du schaffst manchmal sogar unmögliches.

Und es gibt sie ja dann doch. Zahlen. Daten. Fakten.

In Hamburg habe ich am Ende 1:31 gebraucht für die 60er und somit die 1:40 aus dem letzten Jahr locker unterboten, was mein Ziel war. Aber da wäre ich sogar über eine 1:39 schon glücklich gewesen. Ich habe in meiner AK Platz 18 belegt und bei den Damen Gesamt (von knapp 900)  Platz 41. Und ich bin mir sicher, dass all diese kleinen Stellschrauben, gepaart mit Disziplin, Beharrlichkeit und konsequenten Entscheidungen zu diesem Ergebnis und letztlich auch zu diesem Flow- und Glücksgefühl geführt haben. Da ist es am Ende des Tages doch fast umso schöner Amateur zu sein.

Das Sportmentaltraining.

Zu guter letzt möchte ich darauf hinweisen, dass all das was ich hier schreibe natürlich meine persönlichen Erfahrungen sind. Wie ich oben schon schrieb, gibt es einfach so viele Herangehensweisen wie es Menschen gibt und so muss jeder für sich seinen besten Weg finden, um die eigenen Ziele zu erreichen. Ich möchte hiermit keine Ratschläge geben, sondern inspirieren über deine eigenen Motive und Wege nachzudenken und auch dort an kleinen Stellschrauben zu drehen und somit vielleicht auch sensibler zu werden für solche Herausforderungen.

Wie sehr sich jemand damit auseinandersetzen möchte, das bleibt wirklich jedem selbst überlassen. Fakt ist, dass der mentale Bereich eine entscheidende Komponente ist, wenn wir über Leistungsabruf im Wettkampf sprechen. Dazu gibt es natürlich zahlreiche Studien und Erfolgsgeschichten, die auch Einfluss auf meine eigene Herangehensweise haben. Für jeden Sportler lässt sich aber auch da nur individuell ein Training erstellen. Meine eigenen Erfahrungen sollen dich motivieren über deinen ganz eigenen Weg nachzudenken und Training und Wettkampf nochmal neu zu denken. All diese Themen werde ich gern auch nochmal an anderer Stelle jeweils für sich betrachten und vertiefen.

Wenn du Fragen hast, dann meld dich also gern bei mir. Ich freu mich über Feedback und Austausch mit anderen Athleten.

…aber dann wirds halt herausfordernd. Oder eben auch einfach: gut.

Ich bin euch noch einen Nachbericht schuldig. Zur diesjährigen Ruhr2NorthSea Challenge am 23. Juni in Duisburg. Genau genommen von Duisburg bis nach Bensersiel. 300 Kilometer Freiheit vom Pott bis an die Nordsee. Und bevor jemand fragt: Ja, ohne Übernachtung. Das ist, wenn ich mich recht erinnere, die meist gestellte Frage im Vorfeld gewesen. Vor der zweitplatzierten Frage: Tut dir denn da nicht der Hintern weh? Und auch da kann ich jetzt ein klares Nein zurückgeben. Den dritten Platz belegte übrigens dann: Bist du denn so eine Strecke schonmal gefahren. Und auch hier: Nein!

Aber beginnen wir von vorn. Ich möchte gar keinen allzu detallierten Tourenbericht hier abgeben, denn davon gibt es bereits einige. Mir geht es vor allen Dingen darum, drängende Fragen zu beantworten. Fragen, die mir oftmals gestellt wurden. Fragen, die sicherlich die meisten Menschen davon abhalten überhaupt nur darüber nachzudenken so eine Herausforderung anzunehmen. Und Fragen, die ich eben auch vorher noch gar nicht hätte beantworten können. Es jetzt aber umso lieber tue.

Mir geht es also vor allen Dingen darum, was Menschen, respektive mich, antreibt solch eine Challenge anzunehmen. Und was ich aus eigener Erfahrung nun an lessons learned mitnehme. Auch über mich. Meine Empfehlungen. Mein Kopfkino, oder auch Mndfck, wie ich ihn immer liebevoll nenne. Ganz schön viel Zeit nämlich auf so einer langen Tour. Sagen wir mal so: Ich denke, dass das Thema Mentaltraining bei solchen Langstrecken eine beachtliche Rolle spielt. Denn der Kopf hat ganz schön viel Zeit zum Denken. Genau genommen waren es bei mir etwa 17 Stunden. Von denen ich 13.5 im Sattel gesessen habe. Und nein, der Hintern tat mir nicht weh. So sehr ich mich auch anstrenge eine Situation zu finden, in der ich da mal nachfühlen hätte müssen.

Also, beginnen wir mit der Kommunikation im Vorfeld. Ich hab mich also angemeldet bei dieser Challenge, weil ich einfach Bock drauf hatte. Nicht mehr. Nicht weniger. Naja, und im Gegensatz zu meiner Islandtour damals oder meinem ersten Radrennen im vergangenen Jahr verfügte ich diesmal auch über ein passendes Fahrrad, nämlich mein Rennrad. Eine solche lange Strecke bin ich noch nie gefahren, aber mich hat dieser Gedanke fasziniert stundenlang mit hunderten (am Ende waren es etwa 700) anderen Radlern ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. An dieser Stelle steigen die meisten ja schon gedanklich aus.

Was bitte soll daran faszinierend sein!? Erschreckend ist das. Kann ich mir gar nicht vorstellen!

Tja und da beginnt das “Abenteuer Tanja Ney” vermute ich. Ich bin, so denke ich, schon auch ein wenig ein Typ für sowas und entsprechende Gene wurden mir irgendwann mal von irgendwem untergejubelt (denn meine Familie kann da absolut keinen Einfluss drauf gehabt haben – Sry, Mum & Dad!). Zur Entlastung der meisten Menschen, die schon gedanklich an diesem Punkt aussteigen sei gesagt: Diese Distanz gehört bereits zu den Strecken, die wir kognitiv gar nicht in Gänze erfassen können. Leider weiß ich die Quelle nicht mehr, aber es ist belegt, dass wir ab einer bestimmten Länge, Höhe, Weite, Dauer das ganze Unterfangen gar nicht mehr richtig einordnen können. Und vielleicht ist das auch gut so.

Meine Chance, um an den Start zu gehen. Hirn ist also raus. Top! Ich mach mit!

Ich selbst bin zuvor und auch nur einmal 100 Kilometer am Stück gefahren. Etwa ein Jahr zuvor. Strecken von 50-80 Kilometer sind übliche Trainingsdistanzen und keine Seltenheit. Wobei es sich doch sicherlich eher um die 60-70 eingependelt hat in den letzten Monaten. Ergo: Nicht annähernd bin ich die 300 mal irgendwann irgendwo mit irgendwem gefahren. Zu der Frage aber also mein klares Statement, das ich nicht müde werde zu wiederholen: Nein, du musst diese Distanz auch nicht schonmal gefahren sein, um sie zu fahren. Wie blödsinnig ist das aber auch? Klar, mal sich annähern und vielleicht die 200er vorher zur Probe (die bietet der Veranstalter nämlich auch an), auch ne Option. Aber eben nicht meine Herangehensweise. Mein Motto ist eben: Ganz oder gar nicht. Und die Mindestvoraussetzung in meinen Augen für solch ein Event:

Du solltest fit und gesund sein, trainiert haben, optimalerweise Radfahren können und vor allem Stehvermögen in Sachen Willensstärke mitbringen. Der Rest ergibt sich von selbst. Ob du dann am Ende 200 oder 300 Kilometer fährst: Dein Rüstzeug ist das gleiche.

Der Mndfck den ich mitgebracht hatte war übrigens mein persönliches Armageddon: Der Megamarsch 2017. Den bin ich nämlich, gemeinsam mit einem Kumpel, angetreten und habe nach 60 Kilometern das Handtuch geworfen, weil meine Gesundheit mir einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. 100 waren das Ziel. 60 hab ich geschafft. Aber natürlich einige Tage lang immer nur gesehen, was ich nicht geschafft habe. Und dann erklär mal jemandem, der sich mit diesen ganzen Mentalthemen auseinandersetzt, dass plötzlich nicht der Kopf entscheidet, sondern die Gesundheit. So war es aber dann eben und das hatte ich dann auch irgendwann abgenickt und verstanden. Mittlerweile bin ich auch stolz auf die 60 Kilometer, die ich immerhin in 14 Stunden durch die Nacht marschiert bin. Damals habe ich entschieden: ich mach nix mehr zu Fuß. Challenges nur noch mit Fahrrad. Das ist eher so meine Disziplin. Mit dem Megamarsch im Hinterkopf hatte die R2NSC aber nun doch ähnliche Parameter, die ich nicht einschätzen konnte. Ich bin schon sehr überzeugt von meiner Willensstärke. Aber wenn der Körper, trotz Training, schlapp macht? Ich konnte es nicht sagen und hoffte einfach das beste. Aus dem Marsch hatte ich immerhin schon einiges gelernt.

Und letztlich bleibt die Erkenntnis: Du kannst nicht mehr tun, als dich optimal vorbereiten. Punkt. Mehr geht nicht. Mental und körperlich.

Und dann gesellen sich noch weitere lustige Gesellen wie deine Tagesform, andere Menschen, Gruppen, Wind, Wetter, Schlaf in der (halben) Nacht vorher – wir sind um 4:30 gestartet.. dazu. Wanwitzigerweise gibt es sehr häufig diesen einen Aufwachmoment in meinem Leben, wo ich morgens früh den Wecker höre und denke “Was war heute nochmal? Oh nein… Warum um alles in der Welt…Wer hat mich denn da schon wieder angemeldet?”

Und dann siehste dein Rad da stehen. Mein Material, Radklamotten usw. lege ich auch schon immer schön parat, Startnummern sind schon da wo sie hingehören und indem ich dann aufstehe wirds ja dann doch schön kribbelig. Wenn auch ich diese explosive Mischung aus Müdigkeit, Freude und Aufregung immer sehr speziell finde. Aber hey, I like it. Und neulich hat mal ein Triathlon-Kumpel zu mir gesagt:

Genau deshalb machen wir das doch, wenn wir ehrlich sind, oder?

Jepp, genau so ist es. Und jetzt möchte ich gern mal eine Lanze für die Faszination brechen. Ich gehöre zu den Menschen, die wirklich Gänsehaut bekommen, wenn sie mit hunderten anderen motivierten Menschen, die einfach Bock haben im Startblock stehen. Jedem ist diese explosive Mischung in unterschiedlichen Ausprägungen anzusehen. Jeder will etwas. Sich selbst herausfordern. Etwas erleben. Glück. Spaß. Und ein Stück weit sicherlich auch sich selbst ein bisschen besser kennenlernen. Und egal was in all diesen Köpfen vorgeht: Alle haben am Ende das gleiche Ziel: Gesund und munter nach 300 Kilometern im Ziel an der Nordsee anzukommen. Bis hierher hat jeder sein bestes getan und es geht nur noch darum, genau diese Vorbereitung – das Training – mit Freude abzurufen.

Du fährst also los und die ersten Kilometer sind, ähnlich wie bei einem Rennen, einfach nur ein großer Spaß. Denn gestartet wurde in größeren Blöcken (nach Geschwindigkeit). Du hast ne große Gruppe, alle sind irgendwie drauf und noch ist es natürlich überhaupt nicht vorstellbar, wie es ganze 16 Stunden später aussehen würde. Dein Job also: Einfach nur treten, im besten Fall dabei lächeln.

Das hab ich also gemacht. Und vorher auch immer wieder genau so trainiert. Also nicht das Lächeln. Aber das Treten, um irgendwann in diesen eigenen Rhythmus zu kommen. Stoisch gegen den Wind (wir hatten in der Tat die komplette Distanz Gegenwind mit Stärke 6): Drücken Ziehen, Drücken, Ziehen. Und mit den Gedanken ist das so wie beim Meditieren: Da soll man ja auch am besten “Einatmen-Ausatmen” denken, wenn das Kopfkino wieder seine Pforten öffnet. “Drücken-Ziehen” ist hier die Radalternative. Und klar: Das geht auch nicht die ganze Zeit. Zu viele Dinge passieren ja auch irgendwie unterwegs:

Mal verlierste deinen Mitfahrer. Mal denkste über die Gruppe vor dir nach “Hm, wären die vielleicht was, um gemeinsam weiterzufahren?”, den nächsten Verpflegungspunkt “Ob´s da wohl Kaffee gibt?”, die Gegend, die anderen, das Wetter, den Wind, die Pannen am Straßenrand, die App, die zwischenzeitlich ausfällt. Ach, der Kopf findet ne Menge, wenn es darum geht sich nicht zu langweilen.

Dennoch: Wirklich stoisch treten und in den eigenen Tritt kommen, das ist das Geheimnis. Meter für Meter vorwärts und nicht zu weit nach vorn denken. Wie eingangs erwähnt: Das bekommt dein Kopf sowieso nicht gewechselt. Muss er also auch gar nicht erst versuchen. Zu meiner Islandumrundung 2016 hatte ich in einem Interview irgendwann auch mal gesagt:

Naja, ich fahre ja nicht 1400 Kilometer am Stück. Im Grunde fahre ich jeden Tag auch nur eine kleine Fahrradtour.

So ähnlich bin ich die Challenge angegangen. Es gab unterwegs sechs Verpflegungspunkte im Abstand von etwa 30-50 Kilometern. Das waren meine Etappen und haben mir die Distanz in kleine gut verdauliche Häppchen geteilt. In meinem Kopf gab es immer nur von hier bis zum nächsten VP. Drücken, Ziehen. Kopf aus.

Das entscheidende sind für mich im übrigen nicht die aktiven Phasen, sondern die “Sollbruchstellen”. Nach der Pause wieder aufs Rad steigen, das war für viele das schwierigste und auch offensichtliche Quälerei. Nicht selten wurde dann nochmal darüber gesprochen, wenn ich das jetzt mal neutral ausdrücken wollte.

Ich bin ein großer Freund von “what goes around comes around”. Weshalb ich tatsächlich nach jeder Pause wieder gern aufs Rad gestiegen bin und mich auf die Bewegung gefreut und das auch ausgesprochen habe. Klar, das klappt natürlich auch nur dann, wenn einem wirklich nichts bahnbrechend weh tut. Dazu sei aber gesagt: Ein guter Sattel der zum Hintern passt und – in meinem Fall – eine darauf passende Hose mit guter Polsterung (die hier tatsächlich auf den Sattel angepasst ist), sind – neben dem positiven Mindest – die beste Investition in so eine Tour. Mir taten die Füße weh, was ich allerdings einfach immer mit Barfußlaufen an den VP weitestgehend gelöst habe. Also, zack, Schuhe wieder an, Helm auf, Brille, Handschuhe, Rädchen schnappen, Kopf aus und munter weiter.

Meine Erfahrung: Wenn man sich auch in den Pausen nicht allzu sehr aus dem eigenen Flow bringen lässt, dann kann man mit diesem auch wieder zügig in den Tritt kommen und einfach stoisch, übrigens auch in einer Gruppe, weiterfahren.

Das kann und muss man üben. Sicherlich. Manchmal wirkt das auch schon ziemlich nerdig und vielleicht auch ein wenig egoistisch. Aber ich habe gelernt, dass ich meine Ziele dann erreiche, wenn ich mich fokussiere und schaue was ich genau brauche. Ich gehöre dann zum Beispiel auch eher nicht so zu den geselligen Menschen im Startblock oder in den Pausen. Ich kümmer mich einfach nur um mich und versuche mich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen zu lassen. Das übe ich auch in der ein oder anderen Trainingssituation und bin froh, dass es dann im Wettkampf oder bei solchen Events ohne große Anstrengung einfach so da ist.

Das klingt jetzt vermutlich so simpel, kann aber auch manchmal zu seltsamen Situationen führen, die wieder ins Kopfkino einladen. So hatte mich zum Beispiel beim letzten Velothon-Rennen in Berlin eine Athletin im Startblock angesprochen. Sie fuhr das erste Mal und hatte viele Fragen. Zudem war sie wohl auch eher der Typ “Ablenkung” und war froh, mit jemandem sprechen zu können. Ich aber wusste wie mein mentales Warm Up aussehen sollte im Startblock: Kopfhörer rein, Musik hören, fokussieren. Also habe ich mich nach ein bisschen Small Talk kurzerhand entschuldigt und ihr gesagt, dass ich nicht unhöflich sein möchte…aber es doch bin. Weil mir das Rennen wichtig ist und ich einfach weiß was ich in dem Moment am besten brauche.

Und da darf man dann auch einfach mal egoistisch sein.

Ich halte das für einen wesentlichen Punkt, auch mental. Bei sich bleiben. Den eigenen Rhythmus finden. Die eigenen Ziele fokussieren. Und wirklich danach schauen, was brauche ich bei so einer Herausforderung. Das ist gar nicht mal so einfach, denn wie stark man mental unterwegs dann so ist, das lässt sich nur schwer vorher sagen. Aber auch da gilt eben: Das kannst du trainieren und du kannst nicht mehr tun, als dich optimal vorbereiten. Die Nerven liegen selbstverständlich gerne mal blank bei so einer Anstrengung und die eigene Frustrationstoleranz fährt natürlich auch immer mit. Aber die gute Nachricht ist: Die Motivation eben auch. Und der Grund, warum ich überhaupt losgefahren bin.

Als ich irgendwann dann nach 17 Stunden im Ziel angekommen bin, war die überraschendste Erkenntnis tatsächlich die, dass ich nicht ein einziges Mal auf der Strecke gedacht habe “Was für eine dämliche Idee! Ich hab kein Bock mehr!” Nicht einmal. Und das ist kein Fishing for compliments, Das habe ich wirklich gedacht und mir selber damit ein Geschenk gemacht. Weil ich gesehen habe, dass es funktionieren kann. Auch ich wusste natürlich nicht, ob das klappen würde. Ich war mir zu 95% sicher, dass ich gut ins Ziel komme. Aber es gibt eben auch äußere Umstände, die die restlichen 5% ausmachen. In meinem Fall. Bei nicht allzu positiver Herangehensweise und zu großem Respekt gegenüber der Herausforderung mag die Gewichtung auch anders sein und äußere Einflüsse nehmen dir viel schneller den Motivationswind aus den Segeln. Apropos: Wegen des Wetters sind a) so einige Fahrer gar nicht erst angetreten und b) viele Fahrer vorzeitig aus der Challenge ausgestiegen.

 

Ich bin stolz auf  das was ich geleistet habe. Auch wenn ich fest daran geglaubt habe, dass ichs kann. Am Ende bleibt doch immer ein kleines bisschen Unsicherheit. Training hin oder her. Aber ich hab im Vorfeld einfach mein bestes gegeben und bin mit einem sehr positiven Mindset an den Start gegangen. Letztlich danke ich aber nicht nur mir, meinen Beinen und meinem Kopf sondern auch all den Menschen und einer wundervollen Gruppe, die mich mitgezogen hat. Trotz allem Egoismus geht nicht immer alles ganz allein.

Und final möchte ich dazu sagen: Du musst nicht vorher schonmal so eine Strecke gefahren sein. Du musst nur Bock darauf haben und dich darauf einstellen. Körperlich, wie auch mental. Und dann kann das ein Erlebnis sein, das du so schnell nicht vergessen wirst.

Mein Fazit also: 300 Kilometer mit dem Renner? Kannste schon so machen, aber dann wirds halt gut.

Ich habe vor meinem Start übrigens gesagt: “Wenn ich die 300 schaffe, dann fahre ich den Fichkona!” Das sind dann 600. Keep u posted….

 

Ein Plädoyer für das was uns antreibt. Ich komme gerade von einem erfolgreichen Termin zurück. Bin hunderte Kilometer Auto gefahren. Hatte viel Zeit zum Nachdenken. Aber nicht zum Schreiben. Habe mir Gedanken gemacht und überlegt: Will ich darüber überhaupt schreiben. Ich will. Wenn es doch auch sehr persönlich ist. Aber es ist mir wichtig. Denn: Es war im Grunde nur einer der üblichen Termine, für die ich unterwegs bin. Irgendwasmitmedien. Workshop. Vortrag. Anschließend super Feedback. Sehr sogar. Darüber habe ich auf der Fahrt nochmal nachgedacht. Und verstanden: Hey, all das was ich angeschoben habe in den letzten Wochen, Monaten, vielleicht auch Jahren, das zahlt sich gerade aus. Kommt langsam zu mir zurück. What goes around comes around. Ich freue mich.

Und dann ist da doch immer wieder mal dieser eine unfassbar kurze Gedanke. Verrückterweise in den guten Zeiten. Immer. In den so richtig guten Momenten. Wo ich das Gefühl habe, dass einfach alles stimmt. Ich wirklich mein bestes für all das gegeben habe und gebe und genau das bekomme, was ich mir vom Leben wünsche und einfach nur der Mensch bin, der ich sein möchte. Das Leben nicht tauschen wollen. Die Welt ein klein bisschen in den Arm nehmen.

In genau diesen besten Momenten denke ich daran, dass ein wichtiger Mensch, meine Mum, mich genau so nicht mehr erleben kann. Wie ich mich entwickelt habe, wie ich die Welt sehe, was ich verändere oder welche Spuren ich hinterlassen möchte. Meine Sicht auf die Dinge, das Leben, mein Mindset, meinen unbändigen Willen etwas zu bewegen und auch mich immer wieder herauszufordern und neues auszuprobieren. Spontan sein, offen durchs Leben gehen, Neues wagen, Menschen begeistern, nichts verpassen, mutig sein. So viele Dinge, die ich damals noch nicht in dieser Form für mich entwickelt habe. Weil es eben genau die Zeit bis hierher brauchte um genau diese Spuren zu trampeln.

Ein Plädoyer das zu teilen, was uns antreibt. Das soll es sein, denn ich würde mir nichts mehr wünschen, als genau all das mit diesem Menschen teilen zu dürfen. Und ich bin davon überzeugt, dass wir oftmals viel zu wenig teilen, was uns antreibt, was uns wichtig ist, was das Leben für uns lebenswert macht. Mit den wichtigen Menschen. Ich teil ne ganze Menge. Mit vielen. Aus Gründen. Weil ich überzeugt davon bin, dass manches auch andere inspiriert. Und weil ich Spuren hinterlassen will. Und vielleicht auch ein kleines bisschen, weil das Leben mir da zumindest in einer Sache schonmal einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Und ich denke, dass wir viel zu oft nur glauben, dass andere schon wissen was uns wichtig ist. Welche Idee wir vom Leben haben. Was wir vom Leben wollen. Wer wir sind. Und dabei ist es so wichtig. Also finde ich. Und wenn man mal genau hinsieht, dann teilen wir echt jeden Blödsinn in den sozialen Medien. Ein Klick, zack…teile dies wenn du…zack. Lass mal auch im echten Leben echte Dinge teilen. Herzensdinge. Weil es wichtig ist. Und weil es manchmal auch einfach Momente im Leben gibt, wo das eben nicht mehr geht. Und weil du bis dahin vielleicht auch ein bisschen von dir erzählt haben solltest. Also find ich.

Heute genau vor einer Woche hab ich gerade mein allererstes Radrennen hinter mich gebracht. Ach was. Mein allererstes Rennen überhaupt, wenn man es genau nimmt. Ich weiß nicht mehr genau wie es dazu kam. Vermutlich bin ich irgendwann über einen Hinweis bei Facebook gestolpert: Melde dich jetzt für den Velothon in Berlin an und erlebe das unglaubliche Gefühl, vorbei an begeisterten Menschenmassen zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, nach 60km auf der Zielgeraden Raum und Zeit zu vergessen. Nun ja, so oder so ähnlich muss es gewesen sein. Rückblickend fühlte es sich zumindest genau so an. Außer das mit den tosenden Menschenmassen vielleicht. Denn mein Rennen startete mit 7:50 wohl noch weit vor dem Sonntagsfrühstück der meisten Berliner. Dennoch: Es war großartig.

Das Rennfieber hat mich gepackt.

So sehr, dass ich mich am Tag danach gleich für den nächsten Velothon in Hamburg angemeldet habe. Und das Grinsen bekomme ich selbst heute immer noch nicht aus dem Gesicht. Was sich nun aber alles wie ein Spaziergang, respektive eine Spazierfahrt, anhört, war mitnichten so. Denn: War mein erstes Rennen. Mit 4000 anderen Verrückten. Und: Hey, wie macht man das denn so? Beim Start? Beim Fahren? Am Berg? In den engen Kurven? Mit den Klicks? Was ess ich vorher? Was macht überhaupt Sinn? Wo positionier ich mich? Wie schnell ist meine Durchschnittsgeschwindigkeit, die die bei meiner Anmeldung wissen wollen? Puh. Fragen über Fragen, die mich nach der Anmeldung beschäftigt haben. Kribbelig vor lauter Aufregung und Vorfreude. Das macht die Sache manchmal ja auch nicht besser, so im Gesamtpaket.

Also habe ich mich selbst auch im Netz ein wenig schlau gemacht und mich über Berichte anderer Radler der vergangenen Jahre gefreut. Hab mir endlos Texte dazu durchgelesen und ein paar Videos des Rennens angesehen. Und fühlte mich nun zumindest schonmal theoretisch gut vorbereitet.

Tanja Ney Radrennen Velothon Berlin

 

Rookies haben Fragen.

Und da ich sicher bin, dass es auch anderen Rookies so ergeht wie mir. Und dass es gut tut, im Vorfeld schonmal den ein oder anderen Erfahrungsbericht zu lesen, schreib ich nun diesen hier. Zudem schreib ich gern. Und hab ja nunmal ohnehin diesen Blog. Und da es auf diesem oftmals um die Themen Motivation, Mentaltraining, Abenteuer, Komfortzone und – last but not least – das Fahrrad geht, kann ich kaum anders, als meine Gedanken mit euch zu teilen. Here we go…

Lieber ne gute 60 als ne schlechte 120!

Ich war nun also angemeldet. Velothon 60. Die kürzeste Distanz. Kurz noch hatte ich darüber nachgedacht, die 120 zu fahren. Rückblickend bin ich doch ganz froh, erstmal nur den “Ironman Short Course” gerockt zu haben. Ich dachte mir: “Lieber ne gute 60 als ne schlechte 120!”. So für den Kopf. Und so war es dann auch. Ursprungs war auch noch das Rad völlig unklar. Die 60 traute ich mir auch mit meinem Specialized Awol Elite zu, das mich schon einmal rund um Island nicht im Stich gelassen und ne gute Figur gemacht hatte. Letztlich hat mich dann aber in der Vorbereitung doch so sehr der Ehrgeiz gepackt, dass ich mir einen federleichten,  gebrauchten Lapierre Carbon-Renner zugelegt habe. Liebe auf den ersten Blick. Aber das ist nochmal ne andere Geschichte. Wir sind beim Rennwochenende.

Tanja Ney Rennrad Velothon Berlin

Akkreditierung und Alpecin.

Anreise einen Tag vorher. Ich reise gemeinsam mit einer Freundin an, Räder im Auto, Hotel Check In und erstmal riesen Diskussion darüber, dass wir die Räder mit aufs Zimmer nehmen wollen. Tipp: Immer vorher abchecken. Ich hatte mit soviel Gegenwind an der Stelle ausnahmsweise mal nicht gerechnet. Wir haben uns dann aber doch letztlich durchgesetzt. Dann folgt die Akkreditierung am Anreisetag. Du bekommst den Starterbeutel mit nützlichem (Gutscheine für Erdinger in der Finisher-Zone usw.) und unnützlichem (Herren Alpecin Coffein Shampoo..) Kram, sowie deine Startnummer mit Einweg-Chip fürs Rad und deine Nummer fürs Trikot. Das läuft in der Tat alles gut organisiert und sortiert ab. Die Akkreditierung läuft aber auch eine ganze Weile, so dass man da keine Hektik befürchten muss.

Tja, wie schnell fährt man denn dann wohl so? Von Partyblöcken und Besenwagen.

An diesem Tag bekomme ich auch dann die Info, in welchem Startblock ich starte (G) und vor allen Dingen: Wann? In meinem Fall ging es um 7:50 (immerhin statt der ursprungs geplanten Zeit um 7:30) los. Der Startblock stimmte mich ein wenig nachdenklich, denn das war schon ein größeres Thema im Vorfeld. Bei der Anmeldung musste ich meine geplante Durchschnittsgeschwindigkeit angeben, damit ich einsortiert werden kann. Tja, wie schnell fährt man denn dann wohl so? Nicht vergleichbar mit allem bislang dagewesenen. In Island hatte ich 20kg Gepäck und Gegenwind auf 1200 KM mit dem Awol. In der Stadt lassen die Verkehrsverhältnisse kein Rennfeeling zu. Im Sauerland – wo ich gern trainiere – halte ich dann doch auch immer wieder für irgendetwas an und habe außerdem deutlich mehr Höhenmeter zu bewältigen. Hinzu kommt, dass mir die eher so professionelleren Fahrer um mich herum alle sagen: “In nem Rennen bist du sicher mindestens 5 km/h schneller als sonst. Mindestens!” Nee, ist klar..

Ich sortiere mich dennoch ganz hinten ein: Mit 23 km/h darf man überhaupt erst mitfahren, sonst wird man vom Besenwagen eingesammelt und muss sein Nümmerchen abgeben. Ich melde uns also mit 23 km/h an. Schneller geht immer, denke ich. Nach einer Weile intensiveren Trainings wird mir allerdings klar: Viel zu langsam! Ich sortier uns also nochmal um: 25 km/h. Und bin, zumindest wenige Tage lang, zufriedener. Bis ich dann irgendwann das Gefühl habe mich so bei 30 km/h deutlich wohler zu fühlen. Aber da ist es dann auch schon zu spät und wir werden in den “Partyblock G” nach ganz hinten einsortiert, wie ich ihn liebevoll nenne. Denn: Da fährt dann wirklich alles an Rädern mit, was der Markt so hergibt. Also zumindest alles was erlaubt ist.

Und ich. Und ich muss sagen: Eine Weile lang habe ich mich am allermeisten vor dem Start gefürchtet. So viele Menschen. Die ganzen Räder. Das Adrenalin. Noch so früh. Kaum wach. Und dann schon mit den Klicks fest verbunden mit dem Flugrad. 60 KM lang. 2 Stunden, wenn ich es schaffe in dieser Zeit. Was hab ich mir dabei eigentlich schon wieder gedacht…?

Zur Verteidigung des “Partyblocks” sei aber gesagt: Nix Party! Alle waren voll mit dabei und ehrgeizig. Egal auf welchem Rad! Manche fand ich wirklich auch überaus tapfer auf ihren nicht so renntauglichen Rädern und unter dem Motto “Dabei sein ist alles!”

Vom Hotel zum Start. Mein erstes Peloton.

Wir fahren also morgens völlig übermüdet – ich hatte kaum ein Auge zugemacht – auf bereits gesperrten Straßen zum Brandenburger Tor. Unter den Linden. Unterwegs gesellen sich schon nach und nach andere Radler hinzu und ich fahre bereits im Peleton. Also gefühlt. Und das macht mir schon das erste Mal Gänsehaut an diesem Morgen und ein zaghaftes Grinsen tackert sich fest in mein Gesicht und wird auch die nächsten Stunden nicht mehr verfliegen. Wow. Teil dieses ganzen zu sein ist gerade einfach der Hammer. Und in dieser Kulisse. Bei strahlend blauem Himmel mitten in Berlin.

Partyblock G und Dixie Klos.

Am Start wird es dann wuseliger. Überall ist das Klicken und Surren der Räder zu hören. Von überall strömen Athleten ein und suchen ihre Startposition. Wir können keine so richtige Kennzeichnung finden, also halten wir uns an den Lageplan und versuchen den in die Realität zu übertragen: “So, Partyblock G müsste also ungefährt dort an der Kurve sein!” Aufstellen, warten, noch gefühlte zwölfmal zur Toilette (wie übrigens ungefähr auch alle anderen, denn es bilden sich bereits lange Schlangen kurz vor Start). In der Zeit wo ich “kurz mal weg bin” schieben die Ordner die gesamten Startblöcke um einiges nach vorn und als ich wiederkomme ist es plötzlich so unglaublich voll, dass ich Freundin und Rad nicht mehr wiederfinde und doch tatsächlich anrufen muss. Ich sag mal so: Und dann find mal in einem Meer von bunten Lycras, Helmen und tausenden von Rädern jemanden wieder, der ja am Ende doch wieder so aussieht wie gerade alle anderen hier. Hat aber letztlich geklappt. Ich bin begeistert. Hatte aber kurz etwas Sorge, da es ja auch gleich losgehen sollte.

Erstmal frühstücken.

Wir warten. Und wir warten. Ich frühstücke noch “ein Gel”, wie es mir empfohlen wurde. Und wir warten. Andere frühstücken auch, sehe ich. Im Hotel habe ich übrigens um 6:00 Müsli mit heißem Wasser gegessen und um 7:00 eine Banane. Fragt nicht. Es gibt tausende von Empfehlungen und irgendeine musste ich ja schließlich ausprobieren. Und was soll ich sagen: War genau meins. Bananen sind ohnehin mein Energielieferant täglich und vor allem beim Sport, Müsli mit Wasser schmeckt zwar nach nix, aber Porridge mag ich so grundsätzlich und das mit dem Gel geht für mich auch in Ordnung. Viele finden das ultraeklig. Ich finds einfach nur praktisch. Kaffe gabs ausserdem auch dazu und einen Osaft. Das passte. Am Abend vorher natürlich traditionell Pasta. Leider keine wirklich gute, aber es hat seinen Zweck erfüllt.

Nachdem nochmal das Feld kontrolliert wurde (es gibt zahlreiche Vorgaben zu Kleidung – eng anliegend, Trinkflaschen – kein Alu und weich, keine Scheibenbremsen usw..) und auch noch einzelne Buchstaben umsortiert werden mussten, gab es dann endlich, etwa zwanzig Minuten verspätet, das Startsignal. Also im Grunde lief einfach eine Ordnerin neben uns lang und sagte immer wieder: “Geht gleich los!” Und irgendwann setzt sich das Feld dann in Bewegung.

Mein Ruhepuls, der es ohnehin schon auf 105 geschafft hatte, war wohl kaum zu bändigen und ich konnte kaum erwarten in die Pedale zu treten. Die ersten Meter rolle ich aber so rum, wie auch alle anderen um mich herum. Mehr geht nicht. 4000 Menschen. Mit Rädern. Der Startschuss fällt für die 60er und die 180er Strecke gemeinsam. Daher sind wir noch größer als ohnehin schon. Und ganz wichtig: An zwei Stellen ist volle Konzentration gefragt, denn wir müssen uns als 60er links halten, sonst landen wir auf dem falschen Kurs und dann ist das Rennen quasi vorbei, bevor ich es überhaupt merke.

Attacke!

Wir rollen. Ich klicke mich noch nicht ein, das hatte ich so geplant und das macht auch Sinn, denn ich muss immer wieder etwas halten, langsam fahren, ausweichen.. Das erste Tor ist zu sehen und irgendwann fahren wir durch und über den Zeitnehmer, der meinen Chip scannt und ab jetzt läuft die Zeit gegen mich. Damn! Der Chip befindet sich auf der Rückseite der Startnummer, die sichtbar vorn am Rad befestigt wird. Der Chip gibt die Zeit und die Nummer ist zur Identifikation im Notfall und für Photos wichtig. Ich hatte im Vorfeld ein Photopaket bestellt, aber das ist nochmal eine extra Geschichte. Wir fahren erstmal los.

Stehe ich bei der Aufstellung noch rechts am Straßenrand und höre ich mich noch zu meiner Freundin sagen: “Ich muss gleich zügig hier weg von dieser Bordsteinkante!”, bin ich schon nach wenigen Metern auf der linken Überholspur und radel mich frei. Mir zu voll hier. Das geht so nicht. Schon kurz vor dem Starttor klicke ich ein und trete in die Pedale. Auf geht´s. Scheinbar gibt´s kein Halten mehr und ich hab grad das Gefühl, dass endlich alles raus darf, worauf ich mich so unendlich lang gefreut hatte. Geduld ist auch einfach nicht meine Stärke. Hatte ich das bereits erwähnt? Der Start verläuft also wirklich erstaunlich gut und ich bin überrascht, wie schnell ich mit den Gepflogenheiten unterwegs vertraut werde.

Links kann man meist gut überholen, was ich anfangs auch bereits großzügig tue, rechts kann man sich einsortieren und immer wieder kurz oder länger im Windschatten mitfahren. Schon nach wenigen Kilometern merke ich, dass ich unglaublich viel schneller bin als gedacht. Diese gesamte Atmosphäre, die anderen Fahrer, die riesigen nur für uns gesperrten Straßen, das Adrenalin, die motivierenden Streckenposten und einige Zuschauer, das “endlich dürfen” setzt so viel Kraft frei, dass ich recht zügig deutlich über 35 km/h unterwegs bin. Das werde ich natürlich nicht dauerhaft halten können. Aber hey, ist doch schön zu sehen, dass es läuft.

Drehen Sie wenn möglich um!

Nach der heißen Startphase, als ich mich schon so ein wenig eingegrooved habe, werde ich aber dann doch nochmal nervös: “Wo war jetzt eigentlich genau die Trennung zwischen Spreu und Weizen?” Also wo sind die 180er rechts und ich links? Ich kann mich nicht erinnern! Bin irgendwie einfach mitgeschwommen in dem Sog und habe auch seit Startschuss (Freunde würden sagen bereits mindestens zwei Wochen vorher..) nen ultimativen Tunnelblick und keinen Plan mehr, was links und rechts um mich herum geschieht.

Ich werde nervös. Wie zum Teufel find ich jetzt raus, ob ich richtig bin. Ich kann doch niemanden fragen..Mach ich auch nicht. Stattdessen versuche ich immer so nah an andere Menschen heranzukommen, ohne dass wir uns verhaken, was ja häufig zu Unfällen führen soll, dass ich auf der Rückennummer die Distanz lesen kann. Die ist aber so dermaßen klein gedruckt, dass ich nichts erkennen kann. Bei niemandem. Also versuche ich anhand der Radler und Zweiräder abzuschätzen, ob die sich wohl auch auf ne 180er Strecke wagen würden. Und das ein oder andere Treckingrad gibt mir Hoffnung auf dem kleinen Kurs zu sein. Es sei denn, die sind auch falsch..

FLOW!

Bei KM 15 merke ich: Ich bin im Flow. Absolut! Es läuft und ich hab den Eindruck: “Wow, das ist mein Rennen und ich hab so Bock!” Und dann läuft es auch wirklich. Ich bin auch nur noch ganz bisschen nervös wegen des 180er Kurses. Wird schon alles stimmen soweit.

Wir fahren also durch die Stadt. Große Straßen. An engen Stellen stehen durchweg Streckenposten und norden uns ein. Die Flaggen sieht man schon von weitem. Viele Fahrer, wie dann auch ich, machen die vorgegebenen Handzeichen für Abbiegen bzw. links, rechts ausscheren und für Hindernisse auf der Fahrbahn. Schlaglöcher und Gullis sind markiert und auch die Streckenposten machen einen guten Job. ich fühle mich ziemlich schnell erstaunlich sicher. Unterwegs verliert sich das Feld auch ein wenig. Ich bin dann doch als Einzelkämpfer unterwegs, was sicher nicht empfehlenswert ist, wenn man Kräfte schonen möchte. Ich hänge mich immer wieder nur kurz an einzelne Fahrer und arbeite mich dann links nach vorn vor. Natürlich werde auch ich immer wieder überholt. Und was mir sonst noch auffällt: Es sind wirklich erstaunlich wenige Frauen unterwegs.

Die gefürchtete Havelchaussee.

Bei KM 13 kommt die erste “nennenswerte” Steigung. Naja, vergleichbar mit dem Sauerland ist sie nicht, aber es zieht sich und wir bewegen uns Richtung Grunewald und Havelchaussee. Darüber hatte ich im Vorfeld so einiges gehört und war mir nie so richtig sicher, ob das nun gut oder schlecht ist, dass ich davon schon wusste. Aber egal, nun war ich hier. Und bekanntermaßen wird alles viel kleiner und einfacher, wenn man dann erst drinsteckt. Die erste Steigung an der Straße zieht das Feld aber bereits merklich auseinander. Hier entscheidet dann neben der Fitness auch schon das Material mit, wie gut man unterwegs ist. Ich fahre dennoch beschwingt hoch und bin verwundert über mich selbst. Muss aber auch dazu sagen, dass ich ne 3er Kurbel habe, die man ja nun auch nicht bei jedem Rennrad vorfindet. Klarer Vorteil am Berg. Finde ich.

Durch den Grunewald geht es auf und ab. Es gibt enge Kurven und auch schmalere Wege. Und die ersten Unfälle. Einmal Rettungswagen von hinten, einmal von vorn. Alle machen Platz. Ich habe ein seltsames Gefühl. Gerade auch weil ich wusste, dass in den vergangenen Jahren dort immer wieder, teils schwerere, Unfälle passiert waren. Unser Feld kommt aber gut durch und ich freue mich, dass ich selbst dort die Zeit gut halten und im Schnitt mit knapp 30 km/h unterwegs bin. Die Abfahrten sind natürlich um Längen schneller. Aber da gilt es natürlich wirklich wie ein Luchs aufzupassen. Da ist wohl auch schon der ein oder andere mal in der Vergangenheit aus der Kurve geflogen.

Ich übe mich in Essen und Trinken bei verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit.

Ich fahre wie im Rausch. Unterwegs feuern die Streckenposten uns an. Als wir irgendwann wieder in Wohngebieten unterwegs sind, sind die Anwohner am Straßenrand und geben ihr bestes. Ein Mädchen sitzt dort und spielt Schlagzeug. Großartig. Danke! Darauf einen Snack. Ich übe mich in Essen und Trinken bei verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit auf einem Rad, das “schnell anspricht”, wie man beim Auto sagen würde. Ein kleiner Ruck zuviel nach rechts oder links und das Rad geht mit. Aber es funktioniert und ich ordne mich auch für solche Picknickpausen immer wieder mehr rechts ein.

Keine Zeit für Picknick.

So sind dann auch irgendwann die 30 KM geschafft. Das Feld ist ein ständiges Überholen und überholt werden mit den selben Fahrern. Dank der Namen auf den Startnummern erkennt man dann ja doch den ein oder anderen wieder: “Ach, die Andrea schon wieder. Was macht die denn auf einmal vor mir?”.. Es läuft. Und da kommt dann auch die erste und für uns einzige Verpflegungsstation. Und endlich, endlich bin ich hundert prozentig sicher, dass ich auf dem 60er bin. Ich scheine also noch leise Restzweifel gehabt zu haben. Und ich lasse die Verpflegungsstation links, bzw. in diesem Fall rechts, liegen. Denn ich will ja mein Ziel unter 2 Stunden erreichen. Und bin zudem gut versorgt mit meiner Nahrung.

Dabei habe ich Traubenzucker, vier Gels, 1 Magnesium, einen Riegel (den gabs zum Start) und zwei Trinkflaschen mit Elektrolythen. Unterwegs gebraucht habe ich tatsächlich nur eine Trinkflasche und zwei Gels. That´s it. Den Rest gabs dann später.

Die zweite Hälfte ist so megacool wie sie auch herausfordernd ist. Das Tempelhofer Feld ist windig und plötzlich sonnig und völlig ungeschützt auf großer breiter Fläche. Ich komme wir grad eher vor wie auf ner Radtour. Hatte ich mich eigentlich auf diese Etappe gefreut, merke ich, das ist doch nicht so meins grad. Aber ich trete fleißig weiter und freu mich auf das Finale. Als ich irgendwann dann die ersten – bzw. letzten – Fahrer mit den Buchstaben F auf dem Rücken überhole, freu ich mich ein bisschen. Wie berauscht geht es Richtung Mitte. Es wird wieder deutlich urbaner. An den Kreuzungen diskutieren die ersten Streckenposten mit Fußgängern und den letzten Partygästen, die die Berliner Clubs so langsam ausspucken, und die die Straße nicht queren dürfen. Und natürlich gerade so gar kein Verständnis haben für diese ganzen lustigen Wochenendsportler in bunten Klamotten und Tour de France Optik.

Kopfkino.

Wir nähern uns dem Ziel. Es wird etwas komplizierter. Schienen sind mehrfach zu queren. Drumherum wird es voller. An der Eastside Gallery läuft das volle Touriprogramm. Ich schweife ab. Überlege wie weit es wohl noch ist. Meine Konzentration lässt nach. Und dann mache ich einen entscheidenden Fehler: Ich blicke auf die Uhr.

Meine Uhr habe ich bereits vor dem offiziellen Start gestartet, da ich nicht abgelenkt sein wollte. Nun spuckt mir der Tracker irgendeine Laufzeit aus, mit der mein Kopf beginnt zu arbeiten. Hm, drei hin..fünf im Sinn… Wann sind wir nochmal los? Wann hab ich das Ding gestartet? Waren das 20 Minuten vorher? Oder nur 15? Jede Minute ist grad entscheidend, denn ich versuche, während ich bei KM 50 durch die Straßen Berlins rase, ganz nebenbei auszurechnen, ob ich es wohl unter zwei Stunden schaffe.

Meine Beine werden müde. Mein Kopf freut sich über eine völlig neue Beschäftigung jenseits von “Treten, treten, treten…!” und verballert seine Energie für Blödsinn. Denn ich kann es ohnehin nicht ausrechnen grad. Weiß er aber nicht. Also will er nicht wissen. Von Island kenne ich auch noch mein “last 10k-disease”. Immer so etwa 10 KM vor Ende schaltet sich der Kopf ein und beginnt zu bremsen. Nervig sowas. Vor allem, da ich genau weiß, dass der Kopf alles entscheidet. Nicht die Beine. Also die auch. Aber eben nur, wenn der Kopf es auch will. Gerade deshalb habe ich übrigend während meines Rennens immer wieder das Mantra “Wie sehr willst du das hier wirklich?” gedacht. Klingt vielleicht seltsam. War aber ein Mega-Ansporrn. Gelesen habe ich darüber in einem Mentaltrainingbuch, wo es um die Vorbereitung von Spitzensportlern auf Wettkämpfe geht. Und um genau diese Kopf-Fallen. Klar bin ich hier nur ein Jedermann, aber Menschen sind wir alle. Und das mit dem Kopf, das kennt sicher der ein oder andere, egal in welcher Liga.

Immer steht irgendwo “Mitte” auf den Verkehrsschildern.

Was soll ich sagen. Die letzten sechs Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Immer steht irgendwo “Mitte” auf den Verkehrsschildern, aber nie sehe ich das ersehnte Ziel. Dann nochmal am Bahnhof vorbei. Noch ne Kurve. Noch n kleiner Anstieg. Menschen links und rechts mit der großartigen Erkenntnis: “Nur noch einmal hoch, dann habt ihrs geschafft!” Ja, danke… ich werde ungeduldig. Sehe das vorletzte Tor, das die letzten Kilometer ankündigt. An dieser Stelle darf übrigens das 60er Feld ins Ziel und das 120er Feld auf die zweite Runde fahren. Ich klopfe mir kurz noch innerlich auf die Schulter, dass ich mich für die 60 entschieden habe. Puh! Was hätt ich jetzt Bock auch noch die 120 zu fahren.. Ich durchfahre das Tor auf dem steht “Ihr seid alle Helden!” Hey, genau mein Thema. Gänsehaut..Zieleinfahrt.. Straße des 17. Juni. Ich bekomme nichts von alledem mit. Sehe nur das Finisher-Tor, gehe nochmal tief in den Lenker und gebe mein wirklich allerletzes bestes. Zieleinfahrt. Keine Ahnung was da oben auf der Uhr stand. Keine Ahnung, ob ich mein persönliches Ziel für das erste Rennen geschafft habe.

Tanja Ney Rennrad Velothon Berlin

Klick klick…ahhhhhhhhhh!

Aber: Ich bin sowas von glücklich. Nach zwei Stunden irgendwas höre ich endlich auf wie ein Berseker in die Pedale zu treten und das erste Mal kehrt wirklich wieder Ruhe ein in meinen Körper. Am Rand stehen mittlerweile zahlreiche Zuschauer. Ich rolle in den Finisherbereich. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit bis zum endgültigen Endpunkt. Anhalten. Raus aus den Klicks. Um mich herum überall die gleichen Geräusche. Klick klick…ahhhhhhhhhh! Ich fühl mich gleichzeitig so müde und lebendig wie schon lang nicht mehr.

Was bitte war denn das die letzten zwei Stunden? Wow!

Ich steige vom Rad, versuche mich zaghaft zu dehnen und zu bewegen. Richtung Ausgang in den Finisher Bereich, wo ich meine Medaille bekomme. Hunderte Radler mit ihren Rädern schieben sich müde aber glücklich gemeinsam nach vorn. Ich hatte eine Gravur mitgebucht und dann würde nun auch meine Stunde der Wahrheit schlagen. Meine persönliche Zeit. Die weiß ich nämlich bis dato noch immer nicht. Aber sie wird gleich auf meiner Medaille stehen.

Ich stelle mich mit dem Rad in der Schlange an. Zeit ein wenig runterzukommen. Am Zelt angekommen zeige ich meine Starternummer und gebe meine Medaille ab. Fünf Minuten später wird mein Name ausgerufen: “Ja, hier!” Ich fummel mich durch. Ist dann doch ne große Herausforderung diese Kombi: Alle sind müde, müssen aber noch ihre Räder irgendwie durch die Menge und in den Schlangen navigieren, halten, Sachen abgeben, entgegennehmen. es ist eng. Alle haben Durst, müssen mal. Sind kaputt. Und glücklich.

Stunde der Wahrheit.

Ich nehme die Medaille entgegen. Schaue auf die Gravur: “2:05:56” – Hm….. hm….. und dann lese ich 65.2 KM darunter. Yes, I did it! Ziel war es, die 60KM mit einem 30er Schnitt zu fahren, also unter 2 Stunden. Ich hab´s also gepackt!

Der Rest ist schnell erzählt: Mit großem logistischem Aufwand das Erdinger Alkoholfrei im Zielbereich abgeholt, Wiesenplatz im Schatten gesucht. Schuhe aus. Rad ablegen. Noch zwei weitere Erdinger. Prost.

#feierleise

Ich gehöre dann auch zu den Menschen, die nach so einer Aktion Ruhe genießen und einfach mal runterkommen müssen. Das hab ich dann auch so durchgezogen und mich einfach innerlich ein wenig gefeiert und war ne Weile noch ziemlich sprachlos. Immerhin habe ich dann letztendlich Platz 329 von 750 Frauen in meinem Rennen belegt. Mit nem 31er Schnitt. Das ist schon ganz schön okay fürs erste Mal. Und für Hamburg habe ich mich jetzt mit 30km/h angemeldet. Ich werde berichten. Sicherlich nicht das letzte Mal. Ich bin sowas von stoked. Oder wie mein Dad sagen würde: “Das ist ja schön, dass du das nochmal machst. Wenn einem etwas gefällt, dann muss man das auch machen!…aber…warum dir das erst mit 40 einfallen muss…!?”

Ich freu mich wie bolle und bin vom Rennfieber gepackt. Mich hat im Nachgang jemand gefragt, was das besondere daran war für mich. Und ich kann nur sagen:

“Dieses Gefühl, dass du dich zwei Stunden lang ausschließlich darauf fokussierst dein bestmögliches zu geben und nichts zu tun ist, ausser unermüdlich zu treten. Sonst gar nichts. Mit dem Ergebnis, dann am Ende dein Ziel auch zu erreichen und zu wissen, du hast es geschafft und im Vorfeld wirklich alles dafür getan. Das nennt man wohl auch Flow.” – Danke, Berlin.

Tanja Ney Rennrad Velothon Berlin