Fichkona 2019 · 600km sind ja auch nur 300 pro Bein

Vom Fichtelberg im Erzgebirge bis ans Kap Arkona auf Rügen. 600km in 25 Stunden. Hart aber fair.

Es ist 8:30. Wir stoppen an irgendeinem Parkplatz. Dort erwartet uns nach der letzten Etappe wieder unser Verpflegungsvan und mit ihm die Möglichkeit, uns um alles zu kümmern, was wir für die letzten 60 km benötigen, um ins Ziel zu kommen. 538km haben wir zu diesem Zeitpunkt bereits in den Beinen. Und im Kopf. Der ist auch schon etwas verballert. Nach nun 22 Stunden auf dem Rad. Ich lege mein Rad beherzt auf die Wiese. Etwas zum Anlehnen zu finden kostet mich erfahrungsgemäß einfach zu viel Zeit, habe ich festgestellt. Entdecke ein Dixie Klo. Mega! Auf den letzten Kilometern hat mein Magen etwas rebelliert. Ich bin nicht allein und teile mir Iberogast in der Wasserflasche mit einem weiteren Mitfahrer. Endlich raus aus der Nachtklamotte. Am letzten VP blieb dafür einfach keine Zeit. Irgendwie war ich mit anderen Dingen beschäftigt.

Händewaschen. Erstmals seit gestern morgen 10:00. Mal das ganze klebrige Zeug loswerden von den Gels. The little things. Wer hat sich das denn ausgedacht. Da so einen Kanister mit Handtuch und Seife hinzustellen. Mitten auf die Wiese. Muss ein Genie gewesen sein. Ich stopfe mir noch ne halbe Banane in den Mund, entdecke in genau diesem Moment jedoch auch die Essiggurken. Wie geil ist das denn bitte? Drei Stück geschnappt und zack, in den Mund. Zur Banane. Hmmmm… Alles egal. So egal. Hauptsache salzig. Bringe meinen Starterbeutel noch schnell zum Begleitfahrzeug. Reibe meine Beine mit Sportgel ein. Überlege für die Zieleinfahrt noch ein frisches Trikot anzuziehen, aber entscheide mich dagegen. Der Capitano meldet bereits: “In drei Minuten geht es weiter. Macht euch startklar…!” Das mache ich und stehe zwei Minuten später wieder mit dem rechten Fuß bereits eingeklickt mit meinem Renner parat. Wir rollen los. Der Insel Rügen entgegen..

Aber von vorn. Bevor wir bei KM 538 angekommen sind, ist bereits ne ganze Menge passiert. Und nicht nur einmal war ich kurz davor das Handtuch zu schmeißen. The struggle is real.

Die Fichkona Challenge startet am Fichtelberg im Erzgebirge. Ich bin schon seit zwei Tagen dort, um in Ruhe anzukommen. War gestern bereits hier oben auf dem Berg und es hat geschüttet wie nichts. Zugegebenermaßen auch meine Laune getrübt. So sehr ich mich darin übe, mich von äußeren Umständen nicht beeinflussen zu lassen. Auf einen Start im Regen, mit der Aussicht noch 24 Stunden unterwegs zu sein. Darauf hatte ich einfach keine Lust. Basta.

Ich starte also bin ich. Grandiosblöder Zustand & Logistik.

Als ich am Startmorgen auf dem Berg ankomme, ist es leicht bewölkt. Viele andere Mitfahrer freuen sich ebenso sehr über diesen Umstand. Es ist wuselig. Mit dem Auto kann ich nicht ganz hoch, jedoch auf den Parkplatz, etwa 150m unterhalb der Bergstation, fahren. Ich lade dort meine Sachen hin und her. Habe schon den ganzen Morgen überlegt, wie es wohl am cleversten sei mit den zwei Taschen und dem Renner. Entscheide mich für die Rügenreisetasche, die am Ziel dann hoffentlich auch auf mich treffen wird, und mein Rad. Beherzt entscheide ich mich den recht steilen kurzen Anstieg nach oben zu fahren. Bin dabei bereits leicht außer Atem, weil mein Puls ohnehin schon Polka tanzt. Zwar fühle ich mich gar nicht mal so sehr aufgeregt. Aber eine gewisse Grundanspannung, die ja eben auch wichtig ist für so ein Event, ist vorhanden.

Und ich bin seit gestern Abend auch nicht mehr ganz ich selbst.

Oben angekommen orientiere ich mich. Finde die Startbeutelausgabe. Hole mir die Anti-Reh-Unfall-Bändchen ab, das sind blaue Leuchtbänder für die Arme, da es im letzten Jahr, teils schwere, Kollisionen gegeben hatte in der Nacht. Mit dem Startbeutel wandere ich nochmal zum Auto. Mein Rad bleibt stehen. Ohnehin schieben die meisten ihr Rad entspannt hinauf auf den Berg. Keine Ahnung warum ich mal wieder hier Vollgas geben muss auf den ersten Metern. Auf dem Weg nach unten kommen mir viele Fahrer entgegen. Oftmals lächeln wir uns an. Räder werden begutachtet. Einem jungen Mann mit nem schicken pinken Willier muss ich einfach noch sagen, dass er n echt schickes Rad hat. Er bedankt sich.

Das gibt Karmapunkte, denke ich. Kann ich sicher brauchen unterwegs.

Zweimal begegnen mir immerhin auch zwei Mädels bei der Tour de Parkplatz. Ja, man erkennt sich und grüßt. Wie man das eben so macht, wenn es zwar insgesamt 190 Starter, jedoch nur 4 Mädels gibt bei dem Event.

Am Auto räume ich den Starterbeutel um. Werbematerial raus. Nützliche Sachen rein. Nicht falsch verstehen. Waren auch coole Sachen drin. Zum Beispiel n schicker Fichkona Wandkalender. Aber ich sag mal so: Dermaßen unpraktisch für so eine Tour. Stattdessen finden Riegel, Gels, Dextros, Isotabletten, Cashews, Cremes, Klamotten und Tools ihren Weg in meinen Beutel. Auf diesen kann ich während der Tour immer wieder zugreifen, da er sich in einem der beiden Begleitfahrzeuge befindet. Ein wirklicher Luxus und nicht zu unterschätzen, wie wir noch sehen werden.

Oben am Berg angekommen bekommt mein Renner seine Startnummer. 148. Ich finde das irgendwie immer einen besonderen Moment. Sobald auch das Rad damit “geschmückt” ist, wird es ernst.

Sind wir nicht mehr einfach nur im Training unterwegs, sondern haben eine Mission: Ankommen. Die 148 ins Ziel bitte! Die 148 bitte!

Überall wuselt es. Fahrer werden verabschiedet. Aus den Boxen dudelt Musik. Irgendwann läuft “We are the champions…” Ich denke mir: Na hoffentlich.. und fühle mich zurückversetzt in meine Jugendzeit, als ich mit einer noch gänzlich anderen Sportart oftmals auf dem Treppchen stand und auch dieses Lied rauf und runter gespielt wurde.

Es wird durchgegeben, wo die Taschen hinsollen. Unvorstellbar, wie es wäre, wenn mein Starterbeutel nun in Gruppe 1 mitfährt und mir am Ende gute vier Stunden voraus wäre. Also gut aufpassen.

Auch in diesem grandiosblöden Zustand zwischen Müdigkeit, Aufregung und einfach nur los wollen, muss es möglich sein von 1 bis 4 zu zählen.

Vier Gruppen gibt es nämlich. Ich fahre in Gruppe 3. Zunächst.

Ich zögere den Moment hinaus, wo mein Starterbeutel in das Begleitfahrzeug wandert. Irgendwie wird es dann ernst. Und ich habe dann wirklich erstmal nur noch das bei mir, was ich bei mir habe. Bin sozusagen nackig. Naja, so fühle ich mich jedenfalls. Logisch. Aber auch ein bisschen beängstigend. Hab ich auch alles bedacht? Alles dabei? Der erste Stopp ist erst nach 96km. Wenn ich ehrlich bin, bin ich diese Distanz zwar schon oft, aber noch nie ohne Stopp gefahren bislang. Und ich weiß auch, dass die ersten 100km noch sehr hügelig sein werden im Erzgebirge. Ich will einfach gut starten.

Wolken ziehen auf. Es wird frisch. ich bin froh, dass ich mich doch für das Schlechtwettertrikot entschieden habe. Ein bisschen auch aus mentalen Gründen, denn das Gabba habe ich mit genau dieser Hose auch bei meiner ersten 300er im letzten Jahr getragen. Fühlt sich einfach gut und sicher an.

Pressephotos. Briefing. Noch schnell auf tolle Menschen treffen, die ich bislang nur aus dem Netz kannte. Man verbündet sich ja schnell unter Verrückten. Find da mal wen. Nochmal aufs WC. Und nochmal. Und nochmal. Ja die 96km kennen gedanklich bei mir gerade wirklich keine Gnade.

Die Friedensglocke wird geläutet. Das Zeichen für den Start. Gruppe 1 macht sich bereit. Die Begleitfahrzeuge positionieren sich. Viele Zuschauer sind gekommen. Einige von Ihnen werden wir unterwegs an der Strecke sogar immer mal wieder sehen, weil sie ihre Fahrer begleiten und anfeuern auf dem langen Weg ans Meer. Ein ganz cleverer Mitfahrer hat sogar Physiofreunde unterwegs dabei, die ihn an den VPs versorgen. Profi!

Ich stehe inmitten des Felds und hoffe, in der richtigen Gruppe zu stehen. “Fährst du Gruppe 3?”, fragt mich ein Typ. Jepp. Du auch? Puh. Wenigstens steht schonmal mindestens ein anderer da wo ich stehe. Gruppe 2 macht sich bereit. Wir müssen nochmal ordentlich schieben und Platz machen, weil die Fahrzeuge durchmüssen. Es fährt immer jeweils eins vorn und hinten. Stand auch in dem Briefing, das mit dem Platz lassen. Aber die Hirnkapazität ist glaube ich in diesem Moment bei uns allen, gelinde gesagt etwas runtergefahren.

Dann kommen wir. Gruppe 3. Der Moment, wo es plötzlich einfach in wenigen Sekunden losgeht. Das worauf du monatelang hingearbeitet hast. Geht. Jetzt. Einfach. So. Los.

Ab jetzt also nur noch so 600 Kilometer.

Und wir rollen los. Den Berg runter. Knapp 70 Fahrer sind in meiner Gruppe. Mit mir noch zwei Mädels. Die Ansage vor dem Start war: Bitte den Fichtelberg runter nicht schneller als 60 Sachen. Okay. Was schießt mir gerade alles durch den Kopf. Wow, so viele Menschen. Cool, Abfahrt. Hey, läuft meine Garmin nicht? Während der ersten Meter drücke ich noch irgendwie wild auf den Knöpfen herum. Bevor ich die erste Kurve erreiche läuft alles. Irgendwann verstehe ich auch was passiert ist, denn ich habe ja viel Zeit zum Denken unterwegs. Ich nutze diesmal den Ultratrac Modus der Garmin Uhr, da sie dann eben länger durchhält. Bei meiner ersten und letzten 300er hatte ich sie dummerweise exakt so eingestellt, dass der Akku bereits bei 150km alle war. Anfängerfehler. Diesmal sollte das besser laufen. Dafür ist die Aufzeichnung und sind die Daten ungenauer. Aber das macht nix. Hauptsache ich komme an.

Wir sind dann also mal unterwegs. Anfangs noch alles was wuselig. Bergab. Alles muss sich etwas finden. Bei jedem Einzelnen und in der Gruppe. Adrenalin pur auf den ersten Kilometern. Menschen am Straßenrand und an ihren Häusern feuern uns an. Ich schaue auf den Tacho:

Wow, schon fünf Kilometer. Das sind dann also noch…

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es Distanzen gibt, die kognitiv gar nicht mehr für uns erfassbar sind. So ungefähr fühlt es sich an. Hier ist grad gar nix mehr irgendwie kognitiv erfassbar. Und ich bin froh, dass ich endlich nur noch das tun muss, was ich trainiert habe und am besten kann: Radfahren. Treten. Meter für Meter für Meter. Das große ganze zwar im Blick, aber immer den Fokus auf das Hier und Jetzt. Und irgendwann stellt er sich ein, der Moment. Den ich auch vom Rennen kenne. Da macht es plötzlich “Klick”, ein Schalter legt sich um, ich bekomme Gänsehaut und weiß: Das packst du! Ganz tief drinnen ist das irgendwo. Und ich könnt jedesmal ausflippen, wenn es da ist. Endlich!

It´s part of the game.

Nach einigen Kilometern geht es immer wieder bergauf und bergab. Kleine, steilere Rampen fordern mich heraus und spülen mich in der Gruppe nach hinten. Der Plan war es, im vorderen Drittel zu fahren, um dann an den Anstiegen nicht zu sehr abzufallen und abzureissen. Allerdings geht der Plan für mich leider nicht auf. Ich falle mehrmals zurück. Immer wieder muss ich mir den Anschluss an die Gruppe also wieder erkämpfen. Hab einfach noch keinen guten Rhythmus und auch keine Zeit, ihn mir dort zu erarbeiten.

Die beiden Capitanos der Gruppe sind sehr engagiert und ziehen mich, und auch einige wenige andere, immer wieder mit ran. Wieder ins vordere Drittel zu kommen ist allerdings sehr schwer und daher wiederholt sich dieses Katz und Maus Spiel einige Male. Ich merke, wie es mich beginnt zu frustrieren und irgendwann denke ich:

“Oha, wenn das so weitergeht, steige ich aus, noch bevor ich überhaupt eine reguläre Trainingsdistanz erreicht habe. Einfach nur peinlich!”

Ich mache aber munter weiter mit und kann meinem Puls dabei förmlich zusehen, wie er Rakete spielt. Erinnere mich, wie ich ihn sonst immer gut in den Griff bekomme, höre da aber auch schon wieder dezente Motorengeräusche hinter mir. Mist, schon wieder bis zum Begleitfahrzeug nach hinten gerutscht. Verdammte Scheiße!

Mein Mantra ist für diese Challenge “It´s part of the game!”. Wir fahren schließlich Rennrad und spielen kein Schach oder machen Wasserballett. Leiden gehört eben zum Radfahren dazu wie der gute Espresso an den Stopps oder mit viel Liebe ausgewählte Radsocken. Dennoch sind dann eben auch körperliche Signale, wie der Puls Anzeichen dafür, dass etwas nicht funktioniert und dringend eine Lösung her muss. Part of the game hin oder her. War eigentlich die Idee, dass die Gruppe die Anstiege immer so gut es geht gemeinsam fährt, um dann an den Kuppen nur rollen zu lassen, ist die Geschwindigkeit ab dort nicht immer nur “rollen” und dadurch zieht sich ein so großes Feld natürlich schnell wie eine Ziehharmonika auseinander. Passiert das immer wieder, fallen immer mehr Fahrer weit zurück und lassen bereits auf den ersten Kilometern einer so langen Tour Körner, die ihnen irgendwann unterwegs definitiv fehlen werden.

In meinem Kopf beginnt genau das, was passieren muss. Ich denke darüber nach, was ich hier eigentlich mache. Habe ich mich selbst überschätzt? Bin ich wirklich so schlecht? Das kann doch nicht sein. Was läuft denn hier falsch. Sollte ich vorher aufhören? Aufgeben? Das Handtuch werfen? Nein, das kann und will ich nicht machen. Dafür bin ich nicht angetreten. Und wie sieht das denn auch aus?

If you think about quitting, remember why you started!

Wenn ich aussteigen würde. Wie erkläre ich das den Anderen? Den Menschen zuhause, die ich bekloppt gemacht habe seit Monaten. Menschen, die mich supporten, die an mich glauben. Die mich und mit mir trainiert haben? Wenn ich aussteigen würde. Noch unter 200km. Lächerlich! Als erste aus dem Feld. Wie bitte soll das zu rechtfertigen sein?

Achterbahn der Gefühle. Und so anstrengend sie sind, so sehr gehören sie nahezu unvermeidlich dazu. Gerade auf den langen Distanzen hat der Kopf einfach unfassbar viel Zeit für Blödsinn. Und wird auch nicht gerade fitter und zurechnungsfähiger.

Logisch ist dann aus. Und nach müde kommt bekanntlich blöd.

Wichtig an der Stelle: Nicht zu lange diskutieren, sondern die richtigen Entscheidungen treffen. Dazu muss ich bereits vor dem Wettkampf wissen, was gut für mich ist. Und das weiß ich und kann das Ding für mich letzten Endes auch drehen.

Ich schaffe es, bis km 124 noch irgendwie mitzuhalten. Mehr schlecht als recht und hart erkämpfte 124. Mit viel Struggle im Kopf, weil es einfach nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es war nicht leicht, einzuschätzen in welcher Gruppe ich fahren will. Die Grupen 1 & 2 waren außer Konkurrenz. Das war klar. Die sind so turboschnell. Das sind wirklich Freaks. Hey, lieb gemeint. Aber mal ehrlich. Meine Gruppe 3 hatte einen 29-31er Schnitt angepeilt. Da ich in Straßenrennen mit gut 37+ unterwegs bin, war es für mich auf die lange Distanz denkbar. Bei meiner 300er letztes Jahr war es mir etwas zu langsam und das wollte ich jetzt gern für mich anders machen. Zudem hatte ich somit aus mentaler Sicht mit der Gruppe 4 ein Backup, denn man durfte einmalig eine Gruppe nach hinten wechseln ab VP2 [VP – Verpflegungspunkt].

Bei km 124 verabschiedet sich dann mein Oberschenkelmuskel und ich komme mit Krämpfen im linken Bein zum Stehen. Hebe den Arm. Halte unser Begleitfahrzeug an. Sage nur noch: “Krämpfe!”. Jemand nimmt mir mein Rad und mein Hirn ab, lädt es ein. Parkt auch mich im Bus. “Wasser? Was zu essen? Brauchst du was?” Grad alles egal.

Ich will nur, dass dieses fiese Gefühl wieder weg geht.

Habe Magnesium im Trikot. Massiere mein Bein. Trinke. Kann es wieder entspannen, während wir in Radgeschwindigkeit hinter dem Fahrerfeld hertuckern. Genau genommen hinter anderen Fahrern, die zurückgefallen waren. Zwei weitere Jungs lesen wir noch auf und sind für ein paar wenige Kilometer als Reha-Bus für Beinkrämpfe unterwegs. Neben mir sitzt ein verzweifelter Speichenbruch. So nett es im Bus aber auch ist, und dabei wirklich ein verdammt herzliches und großartiges fettes Dankeschön an die Crews, ich will wieder fahren. Auch wenn ich nicht so recht weißt wie. Aber vielleicht wars das ja jetzt und es läuft mit dieser kurzen Zwangspause wieder besser. Ich lasse mich also sobald es geht wieder auf die Straße setzen und bin wieder am Start. Die beiden Kollegen sind auch wieder dabei. Der Speichenbruch bleibt im Bus und hofft auf Laufradersatz.

…Tanja hat die Gruppe verlassen.

Ich fahre also noch mit meiner Gruppe bis zum nächsten VP kurz vor Potsdam. Auf den letzten Kilometern dorthin diskutieren Kopf und Beine was das Zeug hält. Ich melde dem Capitano: Entweder muss ich eine kurze Pause im Van unterwegs machen [find ich aber uncool!], um das Tempo halten zu können oder aber ich wechsel in die nächste Gruppe. Er sieht beides als Möglichkeit. Ich entscheide mich dann aber für die Gruppe 4.

Die beste Entscheidung, die ich übrigens auf der Tour treffen konnte. Ich schnappe mir meinen Starterbeutel, um ihn später umzuladen. Gruppe 4 rollt schon bald ein, während meine alte Gruppe sich bereits wieder auf den Weg macht. Ich schaffe es sogar in dieser Wechselzeit ein kurzes Live-Video bei Insta zu drehen. Der Support von draussen tut mir gut und ich bin erstaunt und freue mich, dass so viele Leute mitfiebern und mich auch auf diesem Weg unterstützen.

Und ich bin erleichtert. Das Leiden hat irgendwie schon allein durch diese Entscheidung ein Ende. Endlich. Nach über 200 Kilometern. Ich mag mich einfach nicht weiter kaputtfahren. Und es soll ja auch Spaß machen. Darauf ein Red Bull.

Als die Gruppe 4 eintrifft staune ich nicht schlecht, wen ich dort alles wiedertreffe. So einige meiner Mitfahrer waren wohl bereits am letzten VP zurückgewechselt, auch die Mädels. Im kurzen Gespräch erzählen sie das gleiche, was ich empfunden habe. Und dass sie nun seit der letzten Etappe deutlich entspannter unterwegs seien. Zwar ist die Gruppe 4 gar nicht so viel langsamer, fährt aber einfach, auch aufgrund der wenigeren Fahrer, ausgeglichener und auch das Begleitfahrzeug vorn fährt als eine Art “Pace-Car” und bremst zu ehrgeizige Fahrer vorne einfach ein. Und das scheint zu funktionieren. Für mich aber auch schon an meinem Wechsel VP ein Riesen-Win: Dass die Pause etwas entspannter ist. Allein schon dadurch, dass es niemanden gibt, der noch nach uns kommt.

Projektmanagement deluxe.

Die Pausenorganisation verlangt den Fahrern schon einiges ab. Du kommst an den Stopp, stellst dein Rad ab. Dann musst du dich entscheiden, was für dich gerade Prio hat. Musst du aufs Klo? Brauchst du Wasser? Kaffee? Was essen? Hast du noch alles im Trikot? Sonnencreme? Andere Cremes? Irgendwas zu kalt oder zu warm an Klamotte? Muss was versorgt werden? Ich selbst habe dann am häufigsten das Essen hinten runterfallen lassen. meine Prio war häufig neues Wasser, mal zur Toilette und Trikot vollmachen mit Nahrung. Am Stopp selbst habe ich mir selten die Zeit gegönnt. Und auch nur einmal Kaffee getrunken. Und Red Bull. Der war wirklich mein Highlight am Wechsel VP. Und andere Besucher der Tanke, die mich in ein Gespräch verwickeln wollten, als es grad ganz ungünstig war: “Sag mal, warum macht man sowas? macht das Spaß? Wie finanziert man sowas denn?”… Äh, ich muss echt weiter!

Kommen also dann, wie auch hier, auch noch “Specials” dazu, wie “Bitte nachtfein machen!”, dann hast du mit den ganzen Arm- und Beinlingen, Jacken, Schuhüberziehern usw. ne Menge zu tun.

Meine Suppe blieb dann dort leider stehen. Aber auch hier ein so fettes Dankeschön an die VP-Crew, die wirklich alle Wünsche erfüllt hat und sehr sorgsam und liebevoll mit unserer immer weiter voranschreitenden Entscheidungslegasthenie und Verplantheit umgegangen ist. Zudem wars lecker. Immer!

Irgendwann hörst du dann immer den Capitano: “Noch zehn Minuten. Noch fünf. Noch drei. Macht euch startklar!”

Alles klar, kann weitergehen. Wir fahren und fahren. In die Nacht hinein. Die letzte Etappe zuvor übrigens sind wir mit Polizeieskorte durch Potsdam. Das war schon ziemlich lässig, dass da immer die Kreuzungen von den Motorrädern gesperrt wurden für uns. Nun aber munter und mit hoffentlich genau 0 Rehen in die Meckpom-Nacht. Der einzige Beinahunfall meinerseits war eine Schrecksekunde, als ein Weg plötzlich nach oben auf den Bordstein geleitet wurde und ich beherzt einen Sprung gemacht habe. Leider ist es einem anderen Fahrer ein ganzes Stück weiter hinten weniger gut ergangen und er ist dort gestürzt, konnte aber angeschlagen weiterfahren.

Hilfe, da sind lauter Fremde im Van!

Es wird ein wenig ruhiger Im Feld. Der Himmel ist klar. Es ist wunderschön. Alleen. Landschaft. Wälder. Stille. Nur das Surren der Räder auf dem Asphalt. Hier und da unterhalten sich Leute. Ich treffe auch viele wirklich tolle und nette Menschen unterwegs und quatsche mit ihnen über Rad und die Welt. Manchmal ist aber auch Schweigen und der Fokus auf jeden Meter eine gute und motivierende Sache. Ich halte endlich auch seit geraumer Zeit vorne mit. Es rollt und läuft. Bis ich irgendwann mitten in der Nacht, so gegen 2h einen verdammt toten Punkt habe. Den kenne ich. Den fürchte ich. Und mal gewinn ich. Mal gewinnt er. Ein ziemlich ausgeglichenes Spiel mit ungewissem Ausgang. Und diesmal gewinnt er. Was mich noch lange beschäftigen wird. Was ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß.

Ich bemerke wie ich die Spur nicht mehr halte, unkonzentriert werde. Versuche es mit Nahrung aufzufangen. Keine Chance.

Irgendwann fallen mir die Augen zu. Ich kann nicht mehr.

Fühle mich unsicher in diesem Feld gerade, wo wir eng beieinander so gut es eben geht Windschatten fahren. Und eben gerade, weil ich nicht mehr GERADE fahren kann. Als wir für eine Pinkelpause zum Stehen kommen und ich nicht pinkeln, aber warten muss, fallen mir die Augen erneut zu. Ich treffe eine Entscheidung und rolle zum Begleitfahrzeug: “Kann ich bitte bei euch grad mal nen 20min Powernap machen und dann schmeißt ihr mich bitte direkt wieder raus?”

Ja klar, das geht. Er nimmt mir das Rad ab und sagt, ich solle hinten zum Bus gehen. Ob da denn noch Platz sei? Ich soll mal nachsehen. Häh? Wie? Noch Platz? Ich versteh die Frage nicht.

Als ich die Tür zum Van öffne, weiß ich warum. Drin sitzen bereits neben der Crew noch drei weitere Jungs, die mich irritiert anblinzeln. Mein Hirn ist leer und ich begreife in dem Moment irgendwie überhaupt nicht, warum da überhaupt Menschen drinsitzen. Und nichts sagen. Und so fertig aussehen. Also wie Radfahrer sehen die grad nicht aus. Sind das Mitfahrer? Zuschauer? Denen mittlerweile langweilig ist? Hey, die nehmen uns ja jetzt auch Platz weg!? Sagt ja auch niemand was.

Das Hirn soll ja auch ein wenig seltsam werden bei solchen Langdistanzen. Ich bekomme eine Ahnung davon, da ich wirklich überhaupt keinen Plan habe, wie diese Menschen da hingekommen sind. Und warum.

Hm.. also wie machen wirs denn jetzt? Rutscht du durch? Oder soll ich… Am Ende sitze ich in der Mitte zwischen den beiden Jungs auf der Rückbank. Mir fällt noch die Flasche aus der Hand. Dabei habe ich doch solchen Durst! Es ist dunkel. Kein Lichtschalter hinten zu finden. Meine Flasche rollt auf die Ladefläche. Mein Nachbar rechts bietet mir sein Wasser an. Mensch, Danke! Vielleicht doch ein Radfahrer? Links neben mir passiert nicht mehr viel. Von vorn bekomme ich gar nichts mit.

Ich leere mein Trikot, da ich sonst nicht ordentlich sitzen kann, und powernappe wie geplant. Das hab ich geübt und kann, wenns gut läuft, wirklich auf den Punkt genau 20 Minuten pennen und ohne Wecker dann wieder Vollgas geben. Würd ich jetzt hier auch gern machen, jedoch kann mich die Crew aufgrund der Nacht nicht direkt wieder rauswerfen. Also hänge ich ein paar km länger hier fest als geplant. Immerhin hält mir mein einzig lebendiger Nachbar irgendwann plötzlich meine Trinkflasche vor die Nase. Mega! Wieder nach vorn gerollt. Ich fühl mich ein bisschen wie auf dem Niveau eines Kleinkinds grad. Das gute ist: man freut sich eben auch einfach über alles.

Back on track.

Endlich darf ich wieder auf die Straße. Mein Trinknachbar sagt sowas wie: “Na, dann fahren wir jetzt wieder mit, oder?” Na sicher! Ja und krass, du fährst hier auch mit! Mann bin ich vercheckt.. Ja, die 148 auch raus bitte. Vollgas jetzt! Alter, ist das kalt. 9 Grad. Brrr… aber Verpflegung brauch ich grad nicht. Ach so, aber ja…den Helm. Das wäre gar nicht so blöd mit dem weiterzufahren.

Es ist also wirklich frisch, als ich wieder mitfahren darf. Aber das Wissen, endlich wieder treten zu dürfen und in den Sonnenaufgang zu fahren motiviert mich enorm. Zudem kommen wir dem Ziel näher. Hatten ja längst die Hälfte geschafft. Und die war für mich maßgeblich. Da ich bislang 300km gefahren war, war für mich alles darüber, also ab dem 301. km ein Win und ein Erfolg. Bis dahin Pflicht. Danach Kür. Also ein so gutes Gefühl.

Zweifel.

Ich hing später noch lang an der Situation, dass ich einen Powernap gemacht habe. Hätte ich auch anders entscheiden können, habe ich mich gefragt. Aber es in diesem Moment einfach so entschieden und als vernünftig eingeschätzt. Vielleicht liegt die Wahrheit da irgendwo in der Mitte. Und ich tendiere dazu, weil ich eben mein bestes geben will, mich am Ende darauf zu konzentrieren, was nicht gut war. Was für weiteres Wachstum und neue Projekte natürlich auch gut ist, jedoch erstmal nicht zielführend, wenn man es dennoch schafft zumindest fast 600km mit dem Renner abzureissen. Es braucht dann bei mir immer ein bisschen, um den Erfolg auch wirklich zu genießen und einen Haken an diese eine kleine Schwäche zu machen. Im Grunde war ich sogar einfach gut vorbereitet, denn der Powernap war die Lösung und ich hatte ihn optional für den Overnight-Stop eingeplant, der länger sein sollte als die anderen. Organisatorisch hat es aber nicht geklappt und so blieb er eben aus und hat später seinen Auftritt verlangt.

You choose – just that simple.

Mit ein paar Tagen Abstand kann ich jetzt sagen: Ich hab die Entscheidung getroffen und gut ist. Es war vernünftig. Ob ich hätte anders entscheiden können ist müßig. Ich war im Prinzip sogar gut vorbereitet, wusste um diese mögliche Schwäche. Und last but not least, und damit ein dickes Dankeschön an meinen Coach Torsten Weber [PMP-Coaching], der mir den Kopf nach der Tour nochmal gerade gerückt hat, indem er meinte es gehöre fast noch mehr Willenskraft dazu, mitten in der kalten Nacht nach einem kleinen Tief wieder völlig selbstverständlich aufs Rad zu steigen und noch weitere hunderte Kilometer weiterzufahren. Die meisten scheitern daran, dass es dann selbst in der kurzen Zeit schon viel zu bequem geworden ist und weiterfahren keine wirkliche Option mehr. Also: Haken dran und als Lessons Learned mitnehmen!

Bis zum VP bei km 538 sind wir gut unterwegs. Die Fahrt in den Morgen ist einfach zu schön und tatsächlich kann ich diese Momente auch sehr genießen. Aber die Gruppe 4 wurde ja auch als “Genussfahrer” angekündigt. Darüber mussten wir doch zeitweise sehr schmunzeln. Denn bei der Distanz verschieben sich da offenbar doch ein wenig die Grenzen und die Vorstellung von Genuss liegt bei den meisten Menschen vermutlich bei anderen Strecken.

Bananen x Essiggurken

Der letzte VP vor dem Ziel ist dann genau so wie eingangs beschrieben. Es sei hier nur noch einmal mein kulinarisches Highlight erwähnt: Banane mit Essiggurke. Ich denke, wenn ich hier schreibe, dass das lecker war, dann ist damit alles zu meinem Allgemeinzustand gesagt. Over & Out. Für den Rest müsst ihr einfach nochmal nach oben scrollen.

Nun ist es ja auf Langstrecken so, dass man, sobald man dann reguläre Trainingsdistanzen [bei mir sind es im Schnitt rund 100km] unterschreitet, fast das Gefühl hat, nur noch einmal um den Block zu fahren. Also mental ist das auch so. Körperlich hat man aber auch schon rund 500km in den Beinen. Also geht die Rechnung nicht ganz auf. Dennoch macht es Laune und ist für mich nochmal ein Motivationsbooster. Trotzdem zieht sich der Endspurt wie Kaugummi. Du rollst und rollst und rollst. Es wird im Grunde nicht mal mehr nennenswert anstrengend [Danke auch an dieser Stelle mal an die stoischen Superhelden, die überwiegend vorne im Wind gefahren sind!]. Aber du hast das Gefühl du kommst einfach nie an.

Irgendwann erreichen wir die Fähre. Einen kurzen Moment haben wir gedacht: “Jetzt stell dir vor, wir müssen auf die warten. Dann hätten wir unverhofft Pause!” Ja Hurra. Die Fähre stand natürlich schon parat. Wie auf uns gewartet. Ich lehne mein Rad an. Verliere gänzlich die Übersicht auf dem Kahn. Über mir spricht es plötzlich. Eine Frau fragt, seit wann wir denn unterwegs seien. Äh..wieviel Uhr ist denn? Also, seit gestern morgen. Aha!

Einer meiner Mitfahrer organisiert Wasser. Ich versuche noch grad ein Bild in die Instastory zu hauen, aber sehe schon dass die ersten wieder aufs Rad steigen. Was ist denn das für ne komische Fähre bitte? Zack, sind wir tatsächlich schon drüben. Mein Nebenmann telefoniert auch noch hektisch zu Ende. Zu nix kommt man hier. Aber hey, nur noch rund 23 Kilometer. Der Wahnsinn.

Wir fahren also auf Rügen die letzten Kilometer. Zwischen wunderschönen Feldern, dem Meer entgegen. Ich rieche Meeresluft. Unser Capitano organisiert die Zieleinfahrt. Es soll Chaos verhindert werden und eine gemeinsame Ankunft soll unser Ziel sein. Er entscheidet uns Mädels vorn fahren zu lassen. Als Pacemaker sozusagen. Damit sich alle anderen hinter uns einordnen können. Also fahren wir drei nebeneinander voran. Bremsen uns nochmal etwas ein, weil es zum einen euphorisch im Endspurt wird, unsere letzten Meter aber sowas von mit fiesem Kopfsteinpflaster geebnet sind. Leider gar nicht geil. Wer schonmal mehrere Stunden mit einer verschwitzten Radhose im Sattel gesessen hat, weiß wovon ich rede.

Po? Welcher Po?

Ich bretter also halbherzig im Sattel sitzend die Promenade entlang. Dann endlich Asphalt rauf zum Kap. Noch eine letzte Steigung. Wir fahren ein. Für mich völlig unerwartet werden wir von zahlreichen Zuschauen erwartet und gefeiert. Und von den Fahrern, die bereits vor uns ankamen. Ein großartiges Gefühl, dass mir auch am besten im Gedächtnis geblieben und auf der Rückreise nach Hause immer wieder eingefallen ist. Genauso wie bei der 300er war ich am Ende dann doch noch erstaunlich fit. Wahnsinn, welche Reserven man dann auf den letzten Metern noch hat.

Einfach nur ankommen wollen. Und das dann auch machen.

Finish – ja und jetzt?

Da sind wir also. ich steige vom Rad. Wir beglückwünschen uns gegenseitig zu dem Wahnsinnsritt und so richtig weiß ich grad gar nicht, was man eigentlich so macht, wenn man nicht Rad fährt. Muss ich wo hin? Wo sind meine Sachen? Trinken? Gibts hier Weizen? Nen WC vielleicht? Ach so, Finisher-Photo. Nee, ich nehm n Weizen alkoholfrei. Ich bin sicher ich falle sonst direkt um. Nein, ja, ich bin mir ganz sicher. Wo ist denn unser Camp jetzt eigentlich.

Wir trinken was. Die Gruppe teilt sich in kleine Lager. Die Weiterfahrt wird organisiert. Bis zum Camp sind es nochmal rund 10 Kilometer und wir müssen dorthin, weil dort alle unsere Sachen sind. Clever.

Eine ältere Dame an unserem Tisch bekommt unsere Gespräche mit und fragt wie weit es denn zum Campingplatz sei. Offenbar hört es sich für sie aus unserer Unterhaltung so an wie eine Weltreise. Ich sage rund 10km und sie belächelt meine Aussage ungläubig. Dann schieb sie aber doch noch hinterher: Und wie lang waren Sie jetzt schon unterwegs? 600 Kilometer. Aha!

Also ihren Segen hatten wir. Und einige andere während der Fahrt sowieso.

Langdistanzfahrer feiern leise.

Wir machen uns als Kleingruppe auf den Weg ins Camp. Diesmal fahre ich nahezu nur noch im Stehen und bin mehr als froh, als ich mein Rad auf dem Campingplatz direkt in gute Hände für den Rücktransport zum Fichtelberg morgen geben darf. Auch wenn es einen guten, wenn nicht sogar einen Top-Job, gemacht hat. Unsere Wege müssen sich gerade mal kurzzeitig trennen. Und ich duschen, essen, trinken und schlafen. Mein persönlicher Mottoabend: “Grundbedürfnisse reloaded”.

Mein Fazit

Viele haben mich am Tag der Zieleinfahrt gefragt, ob ich es nochmal machen würde. Ich habe mit einem ziemlich deutlichen Nein geantwortet. Ich denke nicht. Nach einer Nacht Schlaf sah die Welt aber auch schon wieder ganz anders aus und ich kann es mir nochmal vorstellen denke ich. Zumal ich dann mit einigen Situationen anders umgehen würde, da ich auch mich nochmal ein wenig besser kennengelernt habe.

Im Nachhinein bin ich sehr zufrieden mit meiner Selbsteinschätzung, da ich alle drei Turningpoints als mögliche Herausforderung im Vorfeld gesehen und für alle eine Lösung hatte. Das war zum einen eine zu schnelle Gruppe am Berg und die Lösung des Wechsels in Gruppe 4. Zum anderen waren es mögliche Krämpfe in meinem operierten Bein – die Lösung dafür Massage, Magnesium, Tape und Salz. Ich hatte nach der Versorgung keinen einzigen Krampf mehr. Nichtmal im Nachgang, was mir sonst schon viel häufiger nach Events passiert ist. Punkt 3 ist der tote Punkt in der Nacht zwischen 2 und 3 und die Lösung war der Powernap, der sonst sicher auch an einem VP machbar wäre, wenn die Pause dort ausnahmsweise für die Nacht eben länger dauert. Also alles in allem richtig gemacht und gut vorbereitet gewesen. Und vor allem: Immer in den richtigen Momenten die richtige Entscheidung getroffen.

Last but not least bin ich zugegebenermaßen recht stolz auf meine Leistung, insbesondere mit Blick auf die rasante Entwicklung. Beharrlichkeit und Disziplin zahlt sich aus. Mein Faible für das Sportmentalcoaching macht das ganze, gerade auf den Langdistanzen, nochmal runder und interessanter.

Ich erinnere mich noch, wie ich vor zwei Jahren meine ersten 100km am Stück gefahren bin und davor ziemlich nervös war aufgrund der Distanz. Aber es hat geklappt. Da war ich gerade mal ein halbes Jahr mit dem Rennrad unterwegs. Zuvor besaß ich nichtmal eines. Im letzten Jahr habe ich mich dann für die 300er Ruhr2NorthSea Challenge angemeldet. Mir hatte jemand davon erzählt und ich hatte damals als erstes gesagt: Das geht doch niemals! “Klar, das packst du!” Und ich habe es gepackt. Sogar relativ “entspannt” trotz widriger Wetterverhältnisse. Im Zuge dessen meinte ein Freund: Dann wär doch die Fichkona was für dich? 600km… “Nein, niemals! Wie soll das denn gehen? Quatsch!”

Aber hey, na gut..also wenn ich die 300 packe, dann fahr ich die 600, habe ich damals gesagt. Im Ziel der 300 sagte dann jemand aus meiner Gruppe: “Tanja, und jetzt stell dir vor müsstest du die Strecke ja nochmal fahren!”

Trotz allem Respekt bin ich das Projekt angegangen und habe trainiert. Gemeinsam mit Torsten Weber, der mich als Ultracyclist optimal für so eine Challenge vorbereitet und beraten hat. Am Ende muss ich sagen, hatte ich zwar wirklich großen Respekt und keine Ahnung, ob es am Ende tatsächlich funktionieren würde.

Aber ich hatte ein Ziel. Ich wollte gesund finishen.

Und ganz tief in mir drin war vermutlich auch das Gefühl: “Und das wirst du auch schaffen! Mit allem Struggle, den du unterwegs haben wirst. Aber du schaffst es!”

Jetzt sollen sich Beharrlichkeit, Disziplin und Fokus der letzten Monate auszahlen.

Ein Jahr nach der 300er stehe ich also wieder an einer See und halte mein Rad in die Höhe. Diesmal ist es nicht die Nord- sondern die Ostsee. Diesmal nicht Lapierre, sondern Benotti. Und diesmal sind es nicht 300 sondern 600 Kilometer.

Ich bin beeindruckt davon, was Körper und Kopf in der Lage sind zu leisten. Bin an und über meine Grenzen gegangen. Habe immer gute Lösungen gefunden und mein Ziel nicht aus den Augen verloren.

Danke Kopf & Beine. Das ist nicht selbstverständlich. Und Danke an alle, die mich dabei unterstützt haben, egal auf welche Art und Weise. Ob als Trainingsbuddy, Trainer, Partner, Gruppe 3 & 4, Onlinesupporter, Spendenaktionsunterstützer, ob nah oder fern.

Und Danke auch an Olaf Schau und die gesamte Crew, dass ihr den Rahmen gebt für so ein tolles Event, wo wir Verrückten genau diese Möglichkeit haben, solche Erfahrungen machen zu dürfen. Bis zum nächsten Mal.

Best, Tanja

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